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Signatur Ingeborg Bachmann
    Ingeborg Bachmann [1]
   
Nichts mehr gefällt mir.

Soll ich
eine Metapher ausstaffieren
mit einer Mandelblüte?
Die Syntax kreuzigen
auf einen Lichteffekt?
Wer wird sich den Schädel zerbrechen
über so überflüssige Dinge -

Ich habe ein Einsehen gelernt
mit den Worten,
die da sind
(für die unterste Klasse)

Hunger
Schande
Tränen
und
Finsternis

Mit dem ungereinigten Schluchzen,
mit der Verzweiflung
(und ich verzweifle noch vor Verzweiflung)
über das viele Elend,
den Krankenstand, die Lebenskosten,
werde ich auskommen.

Ich vernachlässige nicht die Schrift,
sondern mich.
Die anderen wissen sich
weißgott
mit den Worten zu helfen.
Ich bin nicht mein Assistent.

Soll ich
einen Gedanken gefangennehmen,
abführen in eine erleuchtete Satzzelle?
Aug und Ohr verköstigen
mit Worthappen erster Güte?
erforschen die Libido eines Vokals,
ermitteln die Liebhaberwerte unserer Konsonanten?

Muß ich
mit dem verhagelten Kopf,
mit dem Schreibkrampf in dieser Hand,
unter dreihundertnächtigem Druck
einreißen das Papier,
wegfegen die angezettelten Wortopern,
vernichtend so: ich du und er sie es

wir ihr?

(Soll doch. Sollen die andern.)

Mein Teil, es soll verloren gehen.
Ingeborg Bachmann 1973
Ingeborg Bachmann 1973 in Rom [2]
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Information zu dieser Seite: Zeichenerklärung:NavigationshilfeNavigationshilfeForum-LinkForum-Seite(n)Externer LinkExterner Link
 
[1] Letztes zu Lebzeiten Ingeborg Bachmanns veröffentlichtes Gedicht. Entstanden vermutlich 1963, erstveröffentlicht in:
  Kursbuch 15. Frankfurt/M., Nov. 1968, S. 91f. Zitiert nach der von Christine Koschel, Inge von Weidenbaum, Clemens Münster
  hrsg. vierbändigen Werkausgabe: Ingeborg Bachmann. Werke. Erster Band: Gedichte, Hörspiele, Libretti, Übersetzungen.
  © Piper Verlag, München, Zürich 1978, S. 172-173.
[2] Ingeborg Bachmann im Sommer 1973 in Rom; Bildnachweis: Karl Kofler (Wien). Mein besonderer Dank an die
  © Erben Ingeborg Bachmann 2000 sowie dem © Piper Verlag, München für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung
  von Bild und Text. Die Rechte für Abbildungen und Zitate verbleiben bei den jeweiligen Rechteinhabern.
    © Ricarda Berg, erstellt: November 2001, letzte Änderung: 30.07.2009
http://www.ingeborg-bachmann-forum.de - E-Mail: Ricarda Berg