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SZ    
19./20.November 2022     Zerfetzung
    Knapp fünf Jahre waren Ingeborg Bachmann und Max Frisch ein Paar.
Jetzt sind ihre Briefe erschienen - ein sensationelles Dokument
     
      [...] Von März 1959 an wohnt Bachmann mit Frisch in einem Haus mit Seeblick bei Zürich. Ende April fährt sie schon ein paar Tage an den Comer See, weil sie glaubt, dort besser arbeiten zu können als unter dem gemeinsamen Dach mit Frisch. Im Mai wird bei ihm eine schwere Hepatitis diagnostiziert, und sie einigen sich darauf, dass Bachmann nicht dableibt, sondern nach Rom reist. Sie tut das allerdings in Begleitung von Hans Magnus Enzensberger, mit dem sie bald eine Affäre beginnt. Wie gravierend diese war, erfährt man erst jetzt. In der 2018 erschienenen Korrespondenz Bachmanns mit Enzensberger fehlen einige Briefe, die dieser auf Wunsch Bachmanns vernichtete. Im Krankenhaustagebuch von Max Frisch jedoch, das Bachmann im Frühjahr 1963 nach der Trennung von Frisch entsetzt fand und verbrannte, spielte die Beziehung Bachmanns zu Enzensberger offenkundig eine große Rolle.
Auch nach dem ausschweifenden Briefwechsel mit Frisch ist ihr Profil schwer zu erfassen, ihr Spiel mit Widersprüchlichkeiten, ihr Sich-Entziehen. Um dem näherzu-
kommen, sollte man sich den zeitgeschichtlichen Hintergrund vergegenwärtigen:
Sie versuchte ein Leben zu führen, das in diesen Jahren für eine Frau nicht vorgesehen war, und für das es noch kaum Worte gab. Im Juli 1959 schreibt sie an Frisch: "Max, es ist so schwer zu erklären, aber ich habe nur ganz selten das Gefühl der Gleichberechtigung zwischen uns. Ich stehe von Anfang an etwas unter Dir oder hinter Dir, Du hast es bestimmt nicht gewollt, aber es bringt Dich dazu, mit mir zu reden manchmal wie zu einer Schülerin, bald liebevoll, bald tadelnd. Ich bin aber, wenn ich nicht bei Dir bin, auch erwachsen, einem Mann gewachsen und lasse mir, wie die Brechtmädchen sagen würden, 'nichts gefallen'." Frisch ist nicht nur als Mann auf Bachmann eifersüchtig, sondern auch als Schriftsteller. Frisch empfindet sich im Vergleich zu Bachmann und Celan als "durchschnittlich", die beiden Lyriker hingegen seien "Auserlesene". Er benennt seine Angst, bloße "Unterhaltungsliteratur" zu schreiben, "privat-engagierte, visionslose, in den Mitteln redliche und in letzter Zeit sogar meisterliche", und er gesteht ohne Koketterie, dass ihm Bachmann "intellektuell überlegen" sei. [1]
  Helmut Böttiger
     
    Doch kein rachsüchtiger Tyrann
    Das Bild von Max Frisch, das die Bachmann-Philologie lange geprägt hat, muss korrigiert werden
     
      [...] Es gibt sehr wohl schöne Liebesbriefe in diesem Band, beide können das, die Sehnsucht zu beschwören, aber schnell schlägt das neurotische Muster wieder um: Sie fühlt sich nicht genügend geliebt und begehrt (das ist ein sensibler Punkt), er hat das Gefühl, sie tanze ihm auf der Nase herum. Er verehrt sie als Autorin aufrichtig, sieht ihr Genie; sie bewundert ihn ebenfalls als Schriftsteller. Er fühlt sich unterlegen und bevormundet. Aussage gegen Aussage. Der biografische Paradigmenwechsel hat sich in den letzten Jahren der Germanistik glücklicherweise durchgesetzt. Die Salzburger Bachmann Edition selbst legt Zeugnis davon ab, dass das Interesse für die biografischen Daten und Details nicht mehr tabuisiert wird, das Interesse gilt inzwischen als legitim.[...]
Max Frisch besteht in seinen Briefen darauf, dass auch der Mann verletzbar sei, ja, dass er persönlich von Ingeborg Bachmann verletzt worden ist. Dass sie sein Tagebuch aus der Zeit seiner Hepatitis-Erkrankung gelesen und verbrannt hat, war ein Vertrauensbruch, der nicht zu heilen war. Und mit "Montauk" hat er seine Geschichte mit Bachmann dann doch noch ausgeweidet, ein Meisterwerk autofiktionaler Literatur, geschrieben nach ihrem Tod. Es bleibt der traurige Gesamteindruck, dass in dieser von Projektionen überladenen Schriftstellerliebesgeschichte die Verletzungen stärker waren als das Glück. [2]
    Ina Hartwig
WOZ Die Wochenzeitung      
 Nr. 50 - 15.12.2022   Viel Rummel um ein Verhängnis
    Der lange unter Verschluss gebliebene Briefwechsel zwischen
Ingeborg Bachmann und Max Frisch war das Feuilletonereignis
der letzten Wochen.
 
    Ein paar kritische Rückfragen.
     
      [...] Manche mochten sich fragen, wie ein Briefwechsel zwischen zwei mal verliebten, längst toten Schriftsteller:innen – Bachmann starb 1973 an den Folgen eines Brandunfalls und unbehandelten Entzugserscheinungen, Frisch 1991 an Krebs – zum Grossereignis werden kann. Es hat, knapp gesagt, viel damit zu tun, dass sich manches Gerücht um diese prominente, turbulente, brutal gescheiterte Beziehung rankte. Beide hatten nach den wenigen gemeinsamen Jahren nicht viel Gutes übers Gegenüber zu sagen, verarbeiteten die Beziehung auch – ganz unterschiedlich – literarisch. Aber bis heute wusste man kaum, was sie einander direkt gesagt hatten. Dazu kommt: Bachmann hatte verfügt, dass die Briefe nicht veröffentlicht werden sollten, ein Wunsch, über den sich die Nachlassverwalter:innen nun hinwegsetzen; Frisch wiederum hatte sein ursprüngliches Publikationsverbot selber noch aufgehoben, allerdings mit einer Sperrfrist. [...]
Insgesamt herrscht in den Besprechungen der Eindruck vor, der in seinem Verhalten gegenüber Bachmann oft als rücksichtslos beschriebene Frisch sei dank der aus diesem Briefwechsel gewonnenen Einsichten nun rehabilitiert. Vorgespurt von der «Zeit», aber auch von den zwei Nachworten der Herausgeber:innen, führt eine überstürzte Rezeption des rund tausendseitigen Briefbands dazu, dass alle ungefähr dieselben Einschätzungen verbreiten. [...]
Wer sich leicht verspätet durch diesen Backstein von einem Buch liest, kann feststellen, wie in der ersten Rezeptionsrunde gefasste, neue «Gewissheiten» bald wieder Risse kriegen. Denn der Briefwechsel zeigt eben nicht nur, dass Frisch sein «Mein Name sei Gantenbein»-Manuskript von Bachmann loben und revidieren liess, sondern er macht zugleich ihre nackte Panik greifbar, tatsächlich mit einer Figur in diesem Roman assoziiert zu werden. Darin spiegelt sich Bachmanns grundsätzlichere Angst, in Frischs damals bereits wohlbekannte literarische Lebensverwertungsmaschinerie hineinzugeraten. Dass diese Befürchtung berechtigt war, beweist Frischs «Montauk», erschienen zwei Jahre nach Bachmanns frühem Tod: eine hemmungslose Auswertung seiner Frauenbeziehungen mit Klarnamen, er nennts «Eine Erzählung». Auch einzelne Tagebücher publizierte er bereits zu Lebzeiten."  [3]
    Daniela Janser
General-Anzeiger Bonn    
7./8. Januar 2023   Eine verhängnisvolle Liebe
      "Wir haben es nicht gut gemacht". Auf mehr als 1000 Seiten dokumentiert der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und
Max Frisch die Beziehung zweier komplizierter Seelen.
 
     
      [...] Frisch hatte Bachmanns Hörspiel "Der gute Gott von Manhattan" gehört und ihr einen Brief geschrieben, der allerdings nicht erhalten ist. In seiner Erzählung "Montauk" gibt er Inhalte aus diesem Brief wieder: "... wie gut [es sei], wie wichtig, dass die andere Seite, die Frau, sich ausdrückt". Und weiter heißt es: "Wir brauchen die Darstellung des Mannes durch die Frau, die Selbstdarstellung der Frau."
Frisch erhielt auf seinen Brief eine ihn überraschende Antwort: Sie sei unterwegs nach Paris, fahre über Zürich und "könne zwei, drei oder vier Tage bleiben". Zu einem Treffen kam es nicht, Frisch war in Spanien und sah den Brief erst nach seiner Rückkehr. In Paris trafen sie sich kurze Zeit später. Bachmann hatte dort einen längeren Arbeitsaufenthalt vorgesehen. Frisch war dort, weil er die Aufführung eigener Stücke im Théâtre des Nations" plante.
Schon zwei Tage nach der ersten Begegnung fragt Frisch: "Was ist los? Ich warte und bange. Kein Zeichen. Du willst, dass wir verschwunden sind für einander." Strässle und Wiedemann [3] weisen daraufhin, "dass es der als unheilbar Gesunde" hingestellte Max Frisch ist, der zuerst als Leidender erscheint "Wenn ich Dich verliere [...], dann habe ich in meinem Leben auf nichts zu warten."
Am 6. Juli schreibt er: "Ich liebe eine Frau, die mich liebt und Du trittst in mein Leben, Ingeborg, wie ein lang gefürchteter Engel, der da fragt Ja oder Nein. Und ich bin glücklich und ratlos und zu feig, um über die Stunde hinaus zu denken." [4]
        Dieter Kaltwasser
nd Journalismus von Links
Journalismus von Links
   
Nr. 5 - 6. Januar 2023   Das Trauerspiel einer Liebe
        Ergreifend und erschütternd:
Der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch
   
      [...] Ihre Liebe, die so abrupt endete, wie sie begann, von wilden Gerüchten, Spekulationen und unvermeidlichen Schuldzuweisungen begleitet, hat Mit- und Nachwelt stark beschäftigt, wobei Frisch die Rolle des Verräters und Bösewichts zufiel und sie als sein hintergangenes, bedauernswertes Opfer erschien.
Wie es wirklich zwischen Juli 1958 und März 1963 war, blieb beider Geheimnis. Ingeborg Bachmann ("ich meine, dass dieser ganze Komplex ... für immer in Deinem und meinem Schweigen aufgehoben ist") hat ihre Briefe nach dem Scheitern der Beziehung umgehend zurückverlangt, worauf Max Frisch aber nicht einging. Sie wollte, dass die Korrespondenz ... für immer in Deinem und meinem Schweigen aufgehoben ist") hat ihre Briefe nach dem Scheitern der Beziehung umgehend zurückverlangt, worauf Max Frisch aber nicht einging. Sie wollte, dass die Korrespondenz vernichtet wird, und hat viele seiner Briefe auch nicht aufbewahrt. Er, nicht so rigoros, ließ am Ende seine Schreiben(die meist erhalten blieben, weil er sie auf der Maschine tippte und Durchschläge behielt) lediglich 20 Jahre nach seinem Ableben sperren. Man hätte sie 2011 drucken können. Aber erst jetzt, fast 50 Jahre nach dem schrecklichen Brandunfall und Tod der Dichterin im Herbst 1973, haben die Bachmann-Erben eine Veröffentlichung ihrer Briefe zugestimmt.
Der Band, der nun das Drama dieser Liebe dokumentiert, ergänzt mit Briefen von Verwandten, Freunden und Bekannten, bringt es auf über 1000 Seiten. Mehr als 400 davon beansprucht der rühmenswerte Kommentar, mit seiner glänzenden Ausleuchtung des Hintergrunds - ein Meistestück an Gründlichkeit und Sorgfalt. Erzählt wird die erschreckende Geschichte einer Zuneigung, die den Mytehn und Mutmaßungen endlich den Boden entzieht." [5]
  Klaus Bellin

Information zu dieser Seite: Zeichenerklärung:NavigationshilfeNavigationshilfeForum-LinkForum-Seite(n)Externer LinkExterner Link
   
[1] © Süddeutsche Zeitung vom 19./20.11.2022. Helmut Böttiger: Zerfetzung.
[2] ebd. Ina Hartwig: Doch kein rachsüchtiger Typ.
[3] © WOZ - Die Wochenzeitung [Schweiz]. Nr. 50 - 15.12.2022. Daniela Janser: Ein verhängnisvolle Liebe.
[4] © General-Anzeiger Bonn. 07./08.01.2023 Dieter Kaltwasser: Das Trauerspiel einer Liebe.
[5] © nd-Journalismus von Links. Nr. 5 - 06. Januar 2023.
    © Ricarda Berg, erstellt: Juli 2025, letzte Änderung: 28.07.2025
http://www.ingeborg-bachmann-forum.de - E-Mail: Ricarda Berg