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Pressespiegel
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NRZ    
11. Oktober 2000     Nacktes Leben kalt ans Licht gezehrt
    Neues aus dem Bachmann-Nachlass
     
      [...] Man kann, wie der Kritiker Peter Hamm, bestreiten, dass es sich um Gedichte handelt. Man kann, wenn man mag, sich auf die Suche machen nach Wendungen und Versen, die gelungen, die schon Literatur und nicht nur nacktes Leben sind, seitenweise ans Licht gezerrt. Was man nicht kann: übersehen, dass der Umgang mit dem Nachlass von Ingeborg Bachmann immer nachlässiger wird. Während ihr "Todesarten"- Projekt noch sorgfältig, ja wissenschaftlich aufgearbeitet wurde, erschien vor zwei Jahren der Band "Letzte, unveröffentlichte Gedichte", der vor allem letzte und ganz wenige unveröffentlichte Gedichte präsentierte. Der Band machte aber immerhin noch Bachmanns Arbeitsweise sehr anschaulich. Jetzt, mit dem neuen Band, stehen wir indes vor einem Trümmerfeld.
  Jens Dirksen
     
FAZ    
12. Dezember 2000     Wer ein Messer im Rücken hat,
      dem fällt keine gepfefferte Metapher ein
     
      [...] Die Ausgabe bietet also nichts von dem, was man heute keineswegs allein von einer textkritischen Edition, sondern von jeder ganz normalen Leseausgabe erwarten darf. Sie gibt keine einzige Sacherläuterung; sie sagt also zum Beispiel im Falle des Gedichts "In memoriam K. A. Hartmann" nicht, daß der Komponist am 5. Dezember 1963 starb, das Gedicht also kurz darauf entstanden sein dürfte, und sie sagt auch nichts darüber, welche Bedeutung Hartmann für die Dichterin besessen hat. Sie identifiziert nicht ein einziges Zitat, obwohl Zitate für die dichterische Technik Bachmanns von zentraler Bedeutung sind. [...]
Mit alldem leistet diese Edition der Enthistorisierung und Mythisierung Ingeborg Bachmanns Vorschub, und dies ist ein Ärgernis. Die Leistung der Philologie besteht im Schutz literarischer Texte, und diesen Schutz sollte man nicht zuletzt solchen Texten gewähren, die man aufgrund ihrer inneren Problematik nur zögernd der Öffentlichkeit vorlegt. [1]
     
Literaturen      
Nr. 12 / 2000     In den Händen der Erben
      Was man mit Notaten und Entwürfen einer Dichterin anstellen kann
     
      [...] Einen Skandal könnte man es nennen, wenn das Konvolut tatsächlich der Verlagswerbung entsprechend ein 'aufwühlendes poetisches Vermächtnis' wäre, wenn es lyrische Sprengsätze enthielte, die alle unsere literarischen Verstellungen vom Werk Ingeborg Bachmanns über den Haufen würfen, etwa eine völlig neue Lesart auch der schon bekannten Texte erzwängen.
Das ist nicht der Fall. Sogar diejenigen, die hoffen, einen voyeuristischen Blick in ungeahnte seelische Abgründe der Autorin werfen zu können, kommen nur in Grenzen auf ihre Kosten. Dass auch große Dichterinnen zuweilen verletzt, gekränkt, ungerecht, verstört, hasserfüllt, medikamentenabhängig, müde vom Leben, enttäuscht von der Arbeit, von Zweifeln heimgesucht sein können, das wird nur diejenigen wundern, die einem naiven Geniekult anhängen.
    Silvia Boverschen
       
Die Zeit        
Nr. 46 / 2000       Ingeborg Bachmann (1)
        Man sollte die Gedichte als zentralen Teil des Werkes verstehen
       
        Mein Argument für eine Publikation der bisher gesperrten Texte - warum sollte man sie nicht Gedichte nennen? - war, dass ihre schockierende sprachliche Unmittelbarkeit den Leserinnen und Lesern des Werks von Ingeborg Bachmann zumutbar ist, denn nicht ihr Werk wird dadurch infrage gestellt, sondern höchstens ein fragwürdiger Literaturbegriff. Bachmanns ganzes Werk zielt auf die Anerkennung eines umfassenderen Begriffs von Literatur. Malina, die geplante Ouvertüre der Todesarten-Romane, rückt doch genau das in den Blick, was von der Idee der schönen Werke verdrängt wird. Hinter dem Wunsch nach der Zensur eines Werkteils steht jene Zweiweltenlehre, nach der nur zählen soll, was vom guten Geist der Kunst erhellt ist. Werke, denen kein guter Geist - sagen wir einfacher: der Herren eigner Geist - hold ist, und wäre es die dunkle Seite einer weltliterarisch bedeutenden Schriftstellerin wie Ingeborg Bachmann, bleibt "der poetische Mehrwert versagt" (Peter Hamm) und damit auch das Interesse des Kritikers.
Auf das Werk Bachmanns soll sich diese Werkreligion einer schönen Journalistenseele samt ihrem schönen Mehrwehrtstreben nicht berufen. Die Autorin hat hinter dieser Haltung eine nicht so schöne Kultur der Ausgrenzung und Verdrängung gesehen. Denn was Peter Hamm zu den Bachmann-Gedichten schreibt, war schon längst von der Ironie des weiblichen Ich in Malina getroffen worden. Als wäre es nur "Abfall", so sieht sich das weibliche Ich in Bachmanns Roman mit den Augen Malinas: "eine überflüssige Menschwerdung, als wäre ich nur aus einer Rippe gemacht" - "aber auch eine unvermeidliche dunkle Geschichte", welche die Geschichte Malinas, des Anwalts der großen Werke, "begleitet, ergänzen will, die er aber von seiner klaren Geschichte absondert und abgrenzt". "Er", Malina, "hat nichts zu klären, nein, er nicht", so die feine Ironie.
"Lebensschlamm", schreibt Peter Hamm zu Bachmanns Todesarten-Gedichten ohne jede Ironie und ohne jeden Gedanken, dass da etwas zu klären wäre und nicht einfach abzuwehren oder der Schwester in die Schuhe zu schieben. Die Rache der Nichtkünstlerin an der "Kunstüberlegenheit", so Peter Hamm. Aber könnte es nicht, um die Beliebigkeit dieses Vorwurfs gegen die Schwester aufzugreifen, die "Kunstüberlegenheit" Bachmanns sein, die Peter Hamms männlichen Kunstverstand so blind und aggressiv macht, dass er sich der anderen Bachmann gegenüber, der halben Frau, die verbrannt ist, wie es in Malina heißt, nur mit Schmähungen zu helfen weiß? In diesem Roman, und das macht die Edition spannend und skandalös, geht es um den "Abfall", der lebt und schreit und der auch geschrieben hat.
Darum erweist sich die Publikation dieser Texte als brisante Fortsetzung der Malina-Diskussion. Beim Erscheinen des Romans (1971) hat man nicht verstehen wollen, warum die Autorin diese "Privatgeschichten" auf den Markt geworfen habe, ein kitschiges "schwarzes Spiegelbild der Lovestory", von niemandem gewünschte "Bekenntnisse einer schönen Seele" - die doch so wenig schön war wie die der nun publizierten Todesarten-Gedichte. Nachdem aber die aufgebrachten Zeitungskritiken längst vergessen waren, entdeckten die Leser Bachmanns Roman über das problematische Verhältnis von Kunst und Leben in einer Kultur, die auf Ausgrenzung, des "Lebenschlamms", also der Lebensdramen und Todesarten, hinausläuft.
Für die Publikation der "kunstfernen" Gedichte spricht aber auch, dass die Autorin damals bereits an einer poetischen Theorie dieses verstörten und verstörenden Schreibens arbeitete. Die "voyeuristische Lektüre" fürchtete sie nicht so stark wie Peter Hamm, sah vielmehr in ihrem "kunstfernen Weg" die Richtung zu einem anderen, weiteren Begriff der Kunst, wünschte sich "eine unglaubliche Erweiterung des Geschriebenen, damit wir uns erweitern können" und damit mehr "bedacht" würde, "warum Leute an der Liebe oder an der Lebenslüge zugrundegingen" und warum sie "keine andren Formulierungen für ihr Versagen, für ihr Sterben" fanden.
Die nun erschienenen Gedichte werden gewiss von Lesern entdeckt werden, deren Bedenklichkeit sich nicht daran stoßen wird, dass die Texte "zumeist Klinikaufenthalten entstammen", wie Peter Hamm mit einem wissenden Satz zu verstehen gibt. Als wäre die moderne Literatur wegen ihrer Sprachwut oder Sprachverzweiflung nicht zu oft schon in die Irrenanstalt eingewiesen worden. Natürlich dürfen diese Gedichte bei Hamm deshalb auch nicht "Gedichte" heißen. Aber warum sollte man sie nicht Gedichte nennen? Ob sie "geglückt" sind oder "nicht abgeschlossen", ist eine andere Frage. [2]
  Hans Höller

Information zu dieser Seite: Zeichenerklärung:NavigationshilfeNavigationshilfeForum-LinkForum-Seite(n)Externer LinkExterner Link
   
[1] © FAZ No. 289 vom 12.12.2000 [Belletristik].
[2] © Die Zeit No. 46 / 2000. Hans Höller, Germanist an der Universität Salzburg, ist Herausgeber von Ingeborg Bachmanns
  Gedichten.
    © Ricarda Berg, erstellt: Januar 2003, letzte Änderung: 28.08.2004
http://www.ingeborg-bachmann-forum.de - E-Mail: Ricarda Berg