HomeIngeborg Bachmann ForumLeseproben (Index)Kleine BibliothekBibliographieImpressum 
 
Leseproben
Zeichenerklärung:NavigationshilfeNavigationshilfeForum-Link Forum-Seite(n)Externer LinkExterner Link


Leseprobe...
Nicola Bardola

Ingeborg Bachmanns München

 
"Ich bin unruhig, möchte nach München endlich, um alles abladen zu können auf 'meinem' Boden."

März 1956
Anfang März schreibt Bachmann an Henze, der wieder in Neapel weilt: "Es ist wirklich sehr schwierig zu schreiben, wenn man immer die Koffer packen muss. Heute Abend fahre ich nach Bremen — für zwei oder drei Tage. Dann nach Frankfurt. (Schreib jedoch schon an den Piper-Verlag, Georgenstrasse 4, Mü 13). Dann nach München [...] Ich bräuchte jemanden, der mir alle Störungen vom Hals hält. Gestern wollte ich Dich anrufen. Dann dachte ich, dass Du abends vielleicht nicht zu Hause bist. So habe ich der Versuchung widerstanden. Vielleicht, wenn du willst, tue ich es einmal von München aus." Weitere Briefe Bachmanns schildern den Alltag ihrer Lesetour und zeugen von ihrer Vorfreude, endlich wieder zu Henze nach Neapel zu ziehen, um dort in Ruhe arbeiten zu können.
Am 14. März schreibt sie im Württemberger Hof tagebuchartige Sätze (enthalten im Band Sensa casa), die in diesem hecktischen Wochen von Bachmanns Fähigkeit zeugen, sich zu erfreuen an ihrem eigenen Werk. Die Worte strahlen eine ungewöhnliche Ruhe aus und eine Entspannung, ja Zufriedenheit. Sie sind daher außerordentlich im Werk Bachmanns: "Auch die Toten lassen etwas liegen, ein Taschentuch... Ich glaube nicht an den guten Gott der Eichörnchen, aber gesetzt es gäbe ihn: die Liebe, die Tage, Leben außerhalb von allem, was zählt. Unerfülltheit, Klarsicht, die sie tötet und doch wieder auferweckt. Die folie nicht weckt. Aber die Trennung von allem.
Einbruch des Vergangenen in die Intensität. Die Liebe: das Zurückrufen der Liebe aus einer Zeit, in der sie es nicht war. Rom u. New York, beide sind Vergangenheit geworden. Der Weg wird frei. Wahre Gespräche mit dem allergeringsten Rest von Unwahrheit, der aber fühlbar blieb. Die Ballade ist daneben möglich geworden. L'amour tendre, ihre Geräusche, der menschliche Körper. Tendresse." Und wenige Stunden später, mitten in der Nacht, schreibt Bachmann in München in noch entpannterem Ton von der Freiheit innerhalb ihrer von Höller sogenannten "Hotelexistenz": "Im welchen Niemandsland des Hotels. Fest entschlossen, im Hotel zu bleiben. Die Arbeit vor mir. Und das Leben hinter und vor mir, die Brandung. Schaum. Müdigkeit jetzt immer von Jahren. So viele Jahre. Die Vergangenheit, die junge, die ältre, die alte. Ein Gefühl von Freiheit bei einem halben Glas Wein und einer Zeitung vor dem Schlafengehen. Allein sein. Frei sein. L'homme, c'est quelque chose très serié use, très seule. Man darf es nicht verraten."
[...]
Im Studio Fink in der Kaulbachstraße 16 liest Bachmann bei der Max-Halbe-Gesellschaft am Dienstag, 20. März 1956. Ihr Verleger Klaus Piper erinnert sich 44 Jahre später: "Viele Jahre ist es her, dass Ingeborg Bachmann zu einem Leseabend in den großzügigen Räume eines fränkischen Unternehmers in der Münchner Kaulbachstraße eingeladen war. Zahlreiche Zuhörer waren gekommen. Ingeborg Bachmann begann, nach enem kurzen Dank für die Einführung, mit der Lesung. Ihre Stimme, stockend, leise, inständig und in einem äußersten Maße zart und verletzlich, hielt nur mit großer Anstrengung durch. Es gab keinen im Saal, dessen Nerven nicht mitvibrierten. Die beschwörende Kraft dieser Stimme trug die Zuhörer dennoch sicher durch die Sätze und Verse hindurch. Man erlebte Ingeborg Bachmanns Gedichte wie in statu nascendi."
[...]
Bachmanns Verleger Klaus Piper erlebt seine neue Autorin live in der Kaulbachstraße. Auch Peter Hamm ist mit von der Partie und erinnert sich: "Kennengelernt habe ich sie 1956 im März, als sie hier in München ihrer erste Lesungen hatte, um mich dann für abends im Würtemmberger Hof, wo sie damals wohnte, zu bestellen, Abends hieß bei ihr aber Mitternacht. Und wir wurden dann prompt vergessen und eingeschlossen. Ein Nachtportier hat uns gegen Morgen befreit. Darüber gibt es eine schöne Widmung von ihr in ihrem ersten Gedichtband Die gestundete Zeit. In dieser Widmung für Hamm spielt Bachmann an die Kuckucksuhr in einem Nebenzimmer des Württemberger Hofs an: "Während der Kuckuck ruft und niemand sich um die letzten Gäste kümmert - Ingeborg Bachman, München, nachts und im März". [1]

Eine Chronik zum 100. Geburtstag
Simone

© Volk Verlag, München 2026
ISBN 978-3-86222-567-5

Information zu dieser Seite: Zeichenerklärung:NavigationshilfeNavigationshilfeForum-LinkForum-Seite(n)Externer LinkExterner Link
 
[1] "März 1956" aus dem Kapitel "Einem verhalten glühlenden elektrischen Kraftfeld ausgesetzt", in: Forum-Link Nicola Bardola: "Ingeborg Bachmanns München. Eine Chronik zum 100. Geburtstag. München 2026, S. 34 - 37.
  Ich danke dem © Volk Verlag, München die freundliche Genehmigung zur Publikation und insbesondere dem Autor Nicola Bardola, der mir zudem wertvolle Hinweise zu "Ingeborg Bachmann" gegeben hat.
    © Ricarda Berg, erstellt: Juni 2026, letzte Änderung: 19.06.2026
http://www.ingeborg-bachmann-forum.de - E-Mail: Ricarda Berg