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Jasmin Hambsch   Ich schreibt ihre eigene Geschichte. Der Begriff Geschichte benennt eine Summe von Erlebnissen, die ihre Vergangenheit ausmachen. Durch die Sammlung aller gescheiterten Versuche einer Geschichtsfindung entsteht letztendlich das Gesuchte: ihre Geschichte. Der Stoff, von dem erzählt werden kann, entsteht erst durch das Erzählen. Er liegt schließlich im Roman vor, der gleichzeitig ihr Existenzbeweis sein soll. Ich hat also erst mit dem Ende des Romans eine eigene Geschichte, eine eigene Existenz - und dadurch auch die Möglichkeit, als narrative Instanz zu berichten.

Insofern die Voraussetzung für den Romand erst durch den Roman geschaffen wird, handelt es sich um einen Zirkelschluss. Denn her wird versucht, eine Aussage durch Deduktion zu beweisen, indem die Aussage selbst als Voraussetzung verwendet wird. Der Zirkelschluss begründet sich immer selbst, quasi von Innen heraus, und widerspricht den Regeln der logischen Argumentation. Noch dazu - und dieser Zusammenhang wurde in der Forschung meines Wissens bisher noch nie artikuliert - widerspricht er dem Leibnizschen Satz vom zureichenden Grund, mit dem Ich im Romanverlauf die Grundlage ihrer Existenz zu beweisen (ver)sucht!
Der Satz vom zureichenden Grund besagt, dass alles, was als wahr und richtig erachtet werden kann, einen Grund und eine Ursache im Außen aufweist.

31 Unsere Vernunftschlüsse stützen sich auf zwei große Prinzipien, das des Widerspruchs [...]
32 Und das des zureichenden Grundes, kraft dessen wir erwägen, daß keine Tatsache als wahr oder existiend gelten kann und keine Aussage als richtig, ohne daß es einen zureichenden Grund dafür gibt, daß es so und nicht anders ist, obwohl uns diese Gründe meistens nicht bekannt sein mögen.
G. W. Leibniz: Monadologie
Wenn Ichs Existenz also wahr ist, muss es einen zureichenden Grund hierfür geben. Der Zusatz von Leibniz, demnach die Gründe meistens unbekannt bleiben, kann Ich nicht zufriedenstellen, denn sie erhofft sich eben durch das Findes eines Grundes die Versicherung ihrer Existenz. Für Ich liegen im Satz vom Grunde Erlösung und Qual zugleich: Hoffnung auf Existenzberechtigung und verzweifelte Suche.
Die Suche nach ihrer eigenen Berechtigung im Außen (in äußeren Gründen) bleibt im Roman zu jeder Zeit erfolglos. Ihre Existenz erscheint völlig grundlos, weil "ich nicht gebraucht werde, da es mir gesagt worden ist, ich bin besiegt worden von Ivan [...]". Sie fühlt, dass "das Zeichen verloren ist, in dem man siegen könnte". Die Umwelt suggeriert ihr zudem permanent Wertlosigkeit. "Du hast eben nichts, wofür du dasein mußt", erklärt ihr Ivan nüchtern und reduziert damit Wertigkeit grundsätzlich auf das Umsorgen anderer Menschen. Nach den Maßstäben der Gesellschaft ist sie unbrauchbar, da sie, wie sie sagt "keinen alten Vater habe, dessen Stütze ich im Alter sein muß, keine Kinder habe, die immerzu etwas brauchen, wie Ivans Kinder, Wärme, Wintermäntel, Hustensäfte, Turnschuhe". Nicht nur das Nützlich-Sein, sondern auch einen Nutzen aus anderen ziehen zu können, ist Maßstab für das Hineinpassen können in die Gesellschaft. Ich beobachtet, dass die Menschen einem recht simplen Muster folgen: "Miteinander haben alle geschlafen, alle haben einen Gebrauch voneinanander gemacht [...] ( hervorgehoben von der Verfasserin). Sie spricht von dieser "universellen Prostitution" abfällig und interessiert sich mehr für die Außenseiter der Gesellschaft. Denen unterstellt sie für ihr Handeln andere Gründe: "Meistens weiß man nicht, warum die Leute sich etwas antun, sie sagen es einem doch nicht, oder sie sagen etwas ganz anderes, damit man den wirklichen Grund nicht erfährt". Von diesen Selbstmördern oder Mördern ist sie fasziniert. Davon zeugen die häufigen Geschichten zu dem Thema. Gemessen an den Wertmaßstäben der Gesellschaft ist Ich nicht nur wertlos, weil sie für niemanden von Nutzen ist, sondern auch, weil sie kein Interesse daran hat, sich die anderen zu Nutzen zu machen: "Auch das Gesetz von der Erhaltung der Energie ist nicht anwendbar auf mich. Ich bin die erste vollkommene Vergeudung, ekstatisch und unfähig, einen vernünftigen Gebrauch von der Welt zu machen [...]. Dennoch sucht sie den "Grund für mein Hiersein". In einem Traum, in dem sie unter unwürdigen Bedingungen im Gefängnis eingesperrt ist, verlangt sie nach Stift und Papier. Das Motiv des Schreibens (beziehungsweise des Erzählens) tritt hier in Verbindung mit dem (Existenz-) Grund. Es passt in die bisherige Argumentationskette, wenn wir feststellen, dass Ich den Grund durch Schreiben/schriftstellerische Tätigkeit finden möchte, aber es geht deutlich auch darum, den Grund durch das Schreiben zu erschaffen. Die Formulierung lautet nämlich nicht, den Satz vom Grunde aufschreiben, sondern "schreiben".

Das zentrale Thema, einen Grund für ihr Dasein zu finden, erfüllt Ich durch einen Zirkelschluss im Erzählen quasi selbst, und begründet ihre Existenz aus sich selbst heraus, anstatt durch einen äußeren Grund. [1]
"Das schreibende Ich"
Erzählerische Souveränität und Erzählstruktur in Ingeborg Bachmanns Roman "Malina"

Jasmin Hambsch - Das schreibende Ich
Verlag Königshausen & Neumann
Würzburg 2009
148 Seiten
ISBN 978-3-8260-4135-8
24,00 €
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
   
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[1] Aus dem Kapitel"Ergebnisse": "Die eigene Existenzberechtigung schreiben", in:
  Jasmin Hambsch: "Das schreibende Ich". Erzählerische Souveränität und Erzählstruktur in Ingeborg Bachmanns
  Roman "Malina". Verlag Königshausen & Neumann [= Epistemata Literaturwissenschaft Bd. 680], Würzburg 2009, S. 113 - 115.
  Ich danke der Autorin und dem © Verlag Königshausen & Neumann für die freundliche Genehmigung zur Publikation.
    © Ricarda Berg, erstellt: Januar 2010, letzte Änderung: 12.01.2010
http://www.ingeborg-bachmann-forum.de - E-Mail: Ricarda Berg