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Leseprobe...
Regina Schaunig   Eine ehmalige Mitschülerin schrieb vor kurzem in einem Brief, man sollte die Bachmann (als biografische Person) endlich "ruhen laßen". Die Worte beziehen sich auf die den Toten geschuldete Pietät. Im Fall einer Autorin, die der Öffentlichkeit so viele Rätsel aufgab und deren Werk noch lange nicht vollständig publiziert ist, wird rund um diesen Namen wohl noch lange nicht Ruhe einkehren.
Ihre Sätze: "Denn ich habe zu schreiben. Und über den Rest hat man zu schweigen" [1] wurden mehrfach als Sprech- und Erzählverbot an die Biografen gelesen. Das Nichtwissen und Nichtwissenwollen biografischer Details realisierte zuletzt Sigrid Weigel auf einer für manche zu akademischen und vor allem ihre eigene "universitäre Intellektualität" spiegelnden Darstellungsebene. Im Sog des "biographical turn" setzten sich andere Literaturwissenschaftler über das Verbot, Bachmanns Leben außerhalb ihres Schreibens zum Gegenstand des Erzählens zu machen, längst wortreich hinweg. Sie selbst hat es schon zu Lebzeiten übertreten, da sie sich immerhin für Interviews und Filmaufnahmen zur Verfügung stellte und selbst autobiografische Texte verfasste. Sie sagt: "haltet Abstand!" Nicht aber: Es darf nicht über mich geschrieben werden! Schließlich hat die Autorin, der ihre persönliche Freiheit so viel bedeutet hat, niemanden den Mund verboten. Sie selbst gab willig Auskunft, aber befriedigte von sich aus nicht die Neugier nach "Privatgeschichten und ähnlichen Peinlichkeiten". Und sie wusste auch ihre eigene Familie vor übler Nachrede zu schützen, indem sie etwa über die Nazivergangebheit ihres Vaters zeitlebends Stillschweigen bewahrte.
Sollte man mit schlechtem Gewissen über Bachmann schreiben? Wird dieses Leben, indem man es zu rekonstruieren versucht, tatsächlich "ausgeschlachtet"? Fanny Goldmann wird von ihrem Geliebten Toni Marek, mit dem sie zwei Jahre zusammengelebt hat, wie es im Text steht, literarisch "ausgeschlachtet", ausgebeutet, er treibt sie durch diesen Voyeurismus sogar in den Tod:
[...] sie war beraubt, ausgeraubt, mit allen ihren Sätzen aus 700 Nächten und Tagen, aus beiläufigen und Hauptsätzen, aus Urteilen und Anzügen, sie im Pyjama, sie auf dem Fahrrad, sie in einem Konzert, wo war ihr Leben, hier war sie. [...] ja es heißt "ausgeschlachtet", so heißt es, sie hatte das einmal gehört, er hatte sie ausgeschlachtet [...]. Sie dachte aber auch, das Schwein, er war ein Schwein, das war das einzige Wort, das sie für ihn fand.[2]
Durch die Bezeichnung "ausgeweidet", einem Begriff der Jägersprache, verweist Bachmann auf Gewalttaten, die sie als "Mord" bezeichnet. Ist es legitim, eine Autorin "auszuweiden", und wodurch macht man sich eines solten Missbrauchs schuldig? Kommt wissenschaftliche Analyse einer Prosektur gleich? Gibt es hier Tabus, Sprechverbote aus Pietät? - Zunächst muss jemand, der öffentlich publiziert wie Ingeborg Bachmann, damit rechnen, öffentlich besprochen und "ausgeraubt" zu werden. Jemand, der aus freiwilligen Stücken publiziert, gibt nicht nur seinen Text preis und stellt ihn dem Publikum internationaler Marktplätze zur Verfügung, sondern macht sich auch selbst zur öffentlichen Person. Und in der Regel können der Autor und die Autorin - und deren Erben - nicht bestimmen, wie die Kritiken, Beurteilungen und Bilder auzusehen haben, die sich Leser und Leserinnen davon machen. Die Fragwürdigkeit öffentlichen "Ausschlachtens" liegt hier in der Art und Weise und im Detail. Es geht einerseits in ganz juristischem Sinn um Besitzrechte an einer Person, einem Namen, einem Werk. Die "Hausväter" der literarischen Liegenschaften sind berechtigt, in ihre gut geschützten Archive zu gehen und je nach Belieben Teile ihres Schatzes zu ihrem kommerziellen oder auch nur ideellen Nutzen an die Öffentlichkeit zu befördern. Jeder für sich kann natürlich die Frage stellen, was ein verstorbener Autor dazu sagen würde, ob er mit seinem Nachleben, angefangen bei seiner Grabstätte und der Verwaltung seines Nachlasses, heute einverstanden wäre - wie Frauke Meyer-Gosau das in ihrer Biografie tut, wenn sie Bachmann als Zweiundachtzigjährige vor den Augen des Lesers und der Leserin vorübergehend aufweckt. Wenn man überlegen wollte, was Ingeborg Bachmann nach ihrem Tod heute schmerzen könnte, wäre die Liste wahrscheinlich lang. Einige Missverständnisse und Fehlinterpretationen hat sie ja bereits zu Lebzeiten zu lesen bekommen. Würde sie heute noch immer rufen: "Haltet Abstand von mir!" oder wäre sie eher dafür, alles offenzulegen, ihr frühes Schreiben, ihre privaten Aufzeichnungen, Briefschaften, Tagebücher? Um "endlich Ruhe" zu finden? [3]
"... wie auf wunden Füßen"
Ingeborg Bachmanns frühe Jahre
Regina Schaunig -
Externer LinkVerlag Johannes Heyn
Klagenfurt / Celovec 2014
256 Seiten
ISBN 978-3-7084-0525-4
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Buchbesprechungen: Forum-Link Kleine Bibliothek

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[1] Interview mit Veit Mölter in: Ingeborg Bachmann: "Wir müssen wahre Sätze finden. Gespräche und Interviews.
  Hrsg. Christine Koschel und Inge von Weidenbaum, München 1983, S. 77.
[2] Ingeborg Bachmann: Todesarten-Projekt. Kritische Ausgabe. Bde. 1 - 4. Unter Leitung von Robert Pichl. Hrsg. v. Monika Albrecht und Dirk Göttsche. München, Zürich (Piper:) 1995, Bd. 1, S. 118.
[3] Leseprobe: Regina Schaunig: "... wie auf wunden Füßen". Ingeborg Bachmanns frühe Jahre, Klagenfurt/Celovec 2014, Kapitel 9: Schranken. Oder: Im Schmerz des Schreibens, S.148f.
Ich danke der Autorin und dem Verlag Johannes Heyn für die freundliche Genehmigung zur Publikation.
    © Ricarda Berg, erstellt: März 2025, letzte Änderung: 10.03.2025
http://www.ingeborg-bachmann-forum.de - E-Mail: Ricarda Berg