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| 15. März 2017 | Ein dunkles Übel | |||||
| Erkenntnis und Poesie: Der erste Band des Gesamtwerks der großen Lyrikerin enthält bislang gesperrte Notate, Briefskizzen und Traumprotokolle. | ||||||
| Ingeborg Bachmann war krank. Sie war tablettenabhängig, litt unter Angstzuständen und Panikattacken. Darüber wurde viel geschrieben, nicht zuletzt von ihr selbst. Auch ihre dramatisch-komplizierten Beziehungen zu Männern wurden oft und ausführlich seziert, zu Paul Celan, vor allem aber zu Max Frisch. Bachmanns Tod nach einem Brandunfall in Rom 1973 hat nach wie vor etwas Mysteriöses. Wie konnte sie sich so schwere Verbrennungen zuziehen, ohne dabei aus dem Schlaf zu erwachen? Freunde von ihr, Hans Werner Henze und andere, glaubten damals sogar an Mord und zogen mit dem schlimmen Verdacht vor Gericht. Festgestellt wurde, dass ihr regelmäßiger Alkohol- und Medikamentenkonsum das Schmerzempfinden beeinträchtigt hatten. Ein dummer Unfall also? Dass ausgerechnet Ingeborg Bachmann, die vielleicht wichtigste Lyrikerin deutscher Sprache in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, auf eine so mehr oder weniger zufällige Weise starb, bleibt bizarr. Immerhin hatte die Klagenfurterin einen Großteil ihres Prosaschaffens einem einzigen Überbegriff gewidmet: dem Tod. Der Tod gehört zum Leben dazu und das Leben der Bachmann gab immer schon viel Anlass, sich darüber auszulassen und zu spekulieren. [...] Dass ausgerechnet Ingeborg Bachmann, die vielleicht wichtigste Lyrikerin deutscher Sprache in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, auf eine so mehr oder weniger zufällige Weise starb, bleibt bizarr. Immerhin hatte die Klagenfurterin einen Großteil ihres Prosaschaffens einem einzigen Überbegriff gewidmet: dem Tod. Der Tod gehört zum Leben dazu und das Leben der Bachmann gab immer schon viel Anlass, sich darüber auszulassen und zu spekulieren. [...] Wenn jetzt unter dem ominösen italienischen Titel „Male oscuro“ ein Band mit persönlichen und ursprünglich nicht zur Veröffentlichung vorgesehenen Traumprotokollen, Notaten und Briefentwürfen aus der Zeit ihrer Krankheit (1962 erlitt sie einen physischen und psychischen Zusammenbruch) den Auftakt zu einer auf 30 Bände angelegten Werkausgabe bildet, fügt sich das auf den ersten Blick ins Bild. Und wirft Fragen auf: Bedient man damit nicht letztlich den Voyeurismus? Immerhin hielt die Autorin viel auf Diskretion. [...] Sicher ist, es wurde sehr sorgfältig und verantwortungsbewusst abgewogen. Die Skizzen erheben keinen eigenen literarischen Anspruch, auch wenn vor allem die Traumprotokolle, die sich dem Unbewussten widmen und es zu ergründen suchen, gelegentlich – und vielleicht naturgemäß – literarische Wirkungen erzielen und sich als durchaus mehrschichtig erweisen. [...] Ihre Legitimation aber erhält die Auswahl – folgt man den Herausgebern – durch ihre Bedeutung und ihren Erkenntniswert im Kontext der Bachmann'schen Werke, ihrer Entstehung und ihrer Poetik. Das leuchtet in Bezug auf die Traumprotokolle auch sofort ein, wenn man etwa ihren Roman "Malina" mit dem großen Albtraum-Kapitel in der Mitte betrachtet. "Malina" ist bekanntlich nicht nur Bachmanns einzig vollendeter Roman, sondern auch der einzig abgeschlossene Teil ihres sogenannten "Todesarten"-Projekts, von dem ansonsten in Buchform die Romanstümpfe "Der Fall Franza" und "Requiem für Fanny Goldmann" vorliegen. [...] Schreiben kommt im Falle der Bachmann von Erleben – was das anbetrifft, ist sie unter anderem Goethe ganz nah. Ihr Leben lässt sich nicht ausklammern, wenn es um die Beschäftigung mit ihren Werken geht. Der Germanist Joseph McVeigh hat erst kürzlich eine Studie über „Ingeborg Bachmanns Wien“ vorgelegt, worin er den Einfluss der nach dem Zweiten Weltkrieg mitnichten entnazifizierten Donau-Metropole und ihres Geisteslebens auf die junge Dichterin beschreibt. „Male oscuro“ dokumentiert nun einige Hintergründe zu Bachmanns Spätwerk. „Ich denke viel an Österreich, an etwas Klimatisches dort, meine Abweisung gegen alles hier wird immer heftiger, die Narrheiten der Leute, die Indiskretion, diese Zerfetztheit der einen, die Bürgerlichkeit der anderen. Ich rede zwar höchstens von Italien, aber ich denke mehr an Wien, und Umgebung, an meine Herkunft, an alles, was mich bestimmt“, heißt es da etwa. |
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| Tobias Schwartz [1] | ||||||
| 25. Februar 2017 | Schlaglichter auf ein inneres Drama Ingeborg-Bachmann-Gesamtausgabe |
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Nun startet sie, mit gebotener Verzögerung, die große Ingeborg-Bachmann-Gesamtausgabe – und das in einer Kooperation zwischen den Verlagen Piper und Suhrkamp. Möglich geworden ist das Großprojekt einzig und allein dadurch, dass der umfangreiche Nachlass der Autorin – eigentlich bis 2025 gesperrt –vorzeitig durch die Erben Ingeborg Bachmanns geöffnet und zur Publikation freigegeben wurde. Den Auftakt bilden „Male oscuro. Aus der Zeit der Krankheit“ und „Das Buch Goldmann“. Zum ersten Mal werden damit sehr private Aufzeichnungen der österreichischen Autorin aus ihrer Krisenzeit veröffentlicht. Im Jahr 1962 erlitt Bachmann einen psychischen und physischen Zusammenbruch, mehrfach muss sie sich in Kliniken begeben. In diese Zeit fällt die Trennung von Max Frisch, mit dem sie Ende der 50er-Jahre zum schillernden Paar der Literaturgeschichte wurde. Wie tief die Erschütterung nach dem Ende der Beziehung war, zeigen nun die publizierten Traumnotizen und Briefentwürfe. Es sind nackte, ungefilterte Texte, konfuse oder chaotische Träume, in denen Max Frisch oft die Hauptperson ist. Ungeheuerliches findet hier Platz, Gewaltszenen mit der Rivalin, Mordgedanken und Inzestträume, ebenso wie Banales, wenn zum Beispiel eine Schallplatte mit einer Max-Frisch-Lesung im Mistkübel landet. Es sind Schlaglichter eines inneren Dramas, manchmal kaum auszuhalten. Und zugleich erleben wir eine Autorin, die mit ihrem ureigenen Handwerk versucht, dem Leiden auf die Spur zu kommen – auch in poetischen Prosaminiaturen. Das Erstaunliche an diesen wilden Aufzeichnungen, die einem nah gehen, oft zu nah: Sie lassen das spätere Werk anklingen. Viele Traumnotizen gehen in leicht überarbeiteter Form ins sogenannte Traumkapitel von „Malina“ ein, dem einzigen Roman, den Bachmann 1971 veröffentlicht. [...] Die Frage, ob es schamlos ist, diese privaten Aufzeichnungen der Öffentlichkeit preiszugeben, steht beim Lesen immer im Raum; vom Gebot der Diskretion ganz zu schweigen. Ähnlich wie nach der Publikation der späten Bachmann-Gedichte aus „Ich weiß keine bessere Welt“ (2000) wird in den Feuilletons mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder eine Debatte über das Für und Wider einer solchen Veröffentlichung beginnen. Dürfen wir solche unautorisierten, persönlichen Dokumente einer Leidenszeit lesen? [...] Auch wenn der Kommentarapparat etwas sehr aufgeladen und redundant geraten ist, so dicht am Leben und Werk war wohl noch keine Ingeborg-Bachmann-Ausgabe. |
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| Elke Schlinsog [2] | ||||||
| 23. Februar 2017 | Die Ausweitung der Krankheitszone | |||||
| Nach der Trennung von Max Frisch schrieb Ingeborg Bachmann Briefe an ihre Ärzte, die nun zum ersten Mal zu lesen sind. |
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Ingeborg Bachmann war 32 Jahre alt, als sie den Schweizer Schriftsteller Max Frisch am 3. Juli 1958 im Pariser Café Châtelet traf. [...]
Beide waren für Schriftstellerverhältnisse bereits echte Stars: Frisch war im Oktober 1953 auf dem Spiegel-Titel, Bachmann im August 1954. Sie haben sich sofort ineinander verliebt. Die Liebe hielt vier Jahre, in denen das Paar abwechselnd in Zürich und in Rom lebte. Nicht besonders gut, wie man inzwischen weiß. Bachmann versteht sich nicht auf die Minimalstandards Schweizer H&auuml;uslichkeit. Sie trinkt zu viel, sie hört spätnachts laut Aufnahmen von Maria Callas. Oft ist sie für Wochen unterwegs, sie leidet an einer Schreibkrise, seit sie im Nebenzimmer Frischs un unterbrochenes Schreibmaschinen- geknatter hört. Im Sommer 1962 verliebt dieser, mittlerweile 51, sich kurzerhand um: jetzt in die 23-jährige deutsche Studentin Marianne Oellers. Ingeborg Bachmann ist am Boden zerstört. [...] Während Frisch mit "Frau Oellers", wie Bachmann die Rivalin nennt, im Winter 1962 durch die USA tourt, begibt sich die Verlassene nach einem Selbstmordversuch in ein Zürcher Krankenhaus. Zehn Jahre lang wird Ingeborg Bachmann so gut wie nichts publizieren, wird von Klinik zu Klinik ziehen und an einer schweren Medikamentenabhängigkeit leiden. "Das Ende haben wir nicht gut bestanden, beide nicht", schreibt Max Frisch im Rückblick. Und das ist noch stark untertrieben. Frisch und Bachmann kommen nie mehr voneinander los. Denn diese Liebe hat nicht erst begonnen, als das Paar auf einer Pariser Parkbank die ersten Küse tauschte. Und sie endete nicht an dem Tag, an dem Max Frisch beschloss, das Leben mit einer jungen Studentin für erträglicher zu halten als das mit der bedeutendsten Dichterin seiner Zeit. Sie lebte weiter in Frischs Mein Name sei Gantenbein und seiner Erzählung Montauk. In Bachmanns Malina und den unvollendeten Romanentwürfen des Todesarten-Zyklus. Keines dieser Bücher wird man ganz begreifen, wenn man an der Liebeskatastrophe der beiden vorbeisieht – in der wirklichkeitsfernen Überzeugung, dass nur der vakuumverpackte Text für das Verständnis von Literatur eine Rolle spiele. |
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| Iris Radisch [3] | ||||||
| 25. Februar 2017 | M wie Mörder | |||||
| Ingeborg Bachmann und Max Frisch waren das Paar der deutschsprachigen Literatur. Jetzt zeigt ein Band aus dem Nachlass, wie die Dichterin an der Trennung zugrunde ging |
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| Wenn man den für die gesamte Bachmann-Edition, zusammen mit Irene Fußl, verantwortlichen Herausgeber und Bachmann-Biografen Hans Höller mit der Skepsis und den Vorbehalten gegenüber dem ersten Band und dem Kommentar konfrontiert, antwortet er außerordentlich klar, sachlich, ausführlich und unverdruckst. es gehe in diesem ersten Band einzig um "das Ereignis der Wiederherstellung der Autorschaft einer der bedeutendsten Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts".
Das ist der Punkt. Max Frisch hat ja Ingeborg Bachmann tatsächlich zum Schweigen gebracht. er, der diese Beziehung mit dem audrücklichen Wunsch der "Darstellung des Mannes durch die Frau" eingeleitet hatte, wird, durch seine Darstellung der Frau durch den Mann, jene Frau zum Verstummen bringen. Was für eine bittere Ironie. Ihr Sturz, Ingeborg Bachmanns Sturz durch alle Spiegel, in die Wortlosigkeit und Verzweifelung und am Ende wieder zu den Worten zurück, das ist die atemberaufbende Geschichte, die dieser Band erzählt. Rettung durch Worte, zurück zu den Worten, zurück zur Kunst. Die Träume, in die wir zunächst hineingeführt werden, beginnen in der Kindheits- landschaft, Kärtnerisches, verwoben mit Bildern aus Süditalien, innere Geologie ihres Lebens, dann aber sogleich er, Max, so wie er meist in ihren Träumen und Berichten auftaucht: lachend. Er lacht und lacht. Und später, je verzweifelter sie ihm ihre Situation schildert, desto sorgloser und ungerührter wird er lachen. Fast kein Traum ohne ihn. Mal als Max, mal als M.F., oft auch in der Gestalt ihres Vaters, was Bachmann besonders befremdet, das sie von jeder Form inzestuöser Vorstellungen oder gar Wirklichkeiten stets frei gewesen ist. [...] In die Träume Ingeborg Bachmanns schleicht sich der Terror des Verwertetseins erst später ein. Zunächst geht es um ihre "Angstneurose" und "Traumüberflutung". Ein Arzt hat ihr zum Aufschreiben geraten. Sie wird in ihren Träumen vom Glück des neuen Paares verfolgt, will unbedingt nach New York, wo die beiden jetzt leben, will unbedingt genau wissen, wie sie leben. Mit Entsetzen sieht sie, dass sie aus denselben Tassen trinken, aus denen sie einst mit Max trank. Mit Entsetzen sieht sie auch, dass ausgerechnet jene Tassen auch im "Gantenbein" beschrieben wurden. "Die zwei Tassen kommen in dem Roman vor und ihr Vorkommen hat mich fast ebenso verletzt wie die Preisgabe ganz andrer Dinge", schreibt sie. Sie will ihr Leben zurück. Die Macht über ihr Bild, ihr Leben." |
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| Volker Weidermann [4] | ||||||
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| 18. März 2017 | Ingeborg Bachmann: Verrat durch die Männer | |||||
| Auftakt zur Gesamtausgabe: Ingeborg Bachmanns radikale Krankheitsnotate "Male Oscuro" |
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| [...] Von Ende 1952 rührt der erste Brief des Bandes „Was machen wir aus unserem Leben?“, der nicht der erste ist, den sie sich schreiben. „Inge“ richtet ihn an „Heinrich“, den sie lange siezt und umgekehrt. Manchmal geht es durcheinander, aber nie kokett. Das Bedürfnis nach Sympathie ist sofort groß. Sie schreibt (mit Blick auf Fontanes Ribbeck): „Die Leute wollen sich eben an etwas festhalten können. Wir ja auch, aber es ist eben wenig da, nur das bisschen Freundlichkeit zwischen Köln und Wien und dem Havelland. Und das müssen wir pflegen.“ Und: „Es ist gut zu wissen, dass es Sie gibt.“ Ein Bachmann-Satz, aber verschwenderisch setzt sie ihn nicht ein. Er wiederum schreibt 1954, es sei ihm „sehr schrecklich, daran zu denken, dass ich plötzlich sterben könnte, ohne Sie noch einmal gesehen zu haben“. Er hat keine aktuelle Adresse und fragt danach. So bleibt das auch: Böll und Bachmann verlieren sich immer wieder aus den Augen, aber mit dem nächsten Brief ist die Sympathie wieder da. Keine Vorwürfe, kein Nachkarten. Dabei ist es doch nicht ohne Ironie, wenn Böll der unbehausten Autorin („senza casa“) von seinen Kindern und Immobilienplänen berichtet. „Die Diskrepanz könnte nicht größer sein“, schreibt Hans Höller im zuneigungsvollen Vorwort. Oder: Vielleicht ist es die Unterschiedlichkeit der privaten Situationen – er mit seiner verunfallten Frau im Krankenhaus in Castlebar, während sie in Harvard Henry Kissinger kennenlernt –, die den Kontakt sogar vereinfacht. 1954 ist die Phase des mit Abstand intensivsten schriftlichen Austauschs. Beide, wie gesagt, an der Schwelle: Böll wird Eigenheimbesitzer und schildert vergnügt (besorgt?) das „ganze Finanzspiel“, das ihm „sogar ein wenig Spaß macht, weil es so absurd ist“. Bachmann wird von Witsch in Köln und von Piper in München umworben – „Ich habe es mir einfacher gedacht, ein Autor zu sein. Man hat doch mit dem Schreiben genug zu tun“ – und fragt bei Böll um Rat, den er ihr äußerst kollegial gibt. [...] Der Erfahrungsaustausch mit offenem Visier ist die stärkste Seite der Korrespondenz (über Zweifel an der eigenen Arbeit schreiben sie seltener, sehr selten). Und das ist also der Ton: fast überschwänglich, was das gemeinsame Berufliche betrifft. Er erzählt auch, wie wohl er sich in Irland fühlt, sie, wie wohl sie sich in Rom fühlt. Politisch sind sie einig mit Nuancen. Ihre Bitte, die SPD im Wahlkampf zu unterstützen, weist er zunächst zurück (er könne nur entschieden gegen die CDU sein). Als er sich schließlich öffentlich für Brandt engagiert, wird sie sich ganz zurückgezogen haben. |
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| Katrin Hillgruber [5] | ||||||
| 24. Februar 2017 | Die "Übergängigkeit" von der Privatheit zur Literatur | |||||
| Starker Anfang mit Band eins der neuen Ingeborg-Bachmann-Werkausgabe bei Suhrkamp: "Male oscuro" |
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| [..] Und die FAZ hat mit einer äußerst kritischen Besprechung des Bandes "Male oscuro". Aufzeichnungen aus der Zeit der Krankheit gleich eine Marke gesetzt, die auch an dem Pressegespräch nicht spurlos vorüberging, bei dem die Bachmann-Ausgabe am Dienstag im Hause Suhrkamp in Berlin offiziell vorgestellt wurde. Dass man eine neue Gesamtausgabe mit einem Band eröffnet, von dem erst zu diskutieren ist, ob er eigentlich in diese Ausgabe gehört, kam natürlich zur Sprache. Die Herausgeber untermauern ihre Entscheidung mit einem interessanten Begriff und sprechen von einer "Übergängigkeit" zwischen den hier enthaltenen Traumnotaten, Briefen und Textentwürfen zum literarischen Spätwerk von Bachmann. Das Material, das in Male oscuro zugänglich wird, gilt den Gesamtherausgebern Höller und Fussl also nicht nur als biografisch, sondern auch als literarisch relevant. Wenn man die Texte liest, kann man sich ihrer Position nicht leicht verschließen. Der eigentümliche Stellenwert der Dokumente wird an einer Stelle besonders offensichtlich: "Dazu Kommentar lieber mündlich", schreibt Bachmann an das Ende einer Notiz über einen Traum, in dem Max Frisch seine neue Lebensgefährtin Marianne Oellers geschlagen hat. Bachmann unterscheidet hier also zwischen verschiedneen Ebenen der Privatheit, bei der intimsten Aufzeichnung ist sie sich doch des Charakters als Text und damit eines möglichen Publikums bewußt. Den Titel "Male oscuro ("dunkles Übel", so heißt ein bekanntes italienisches Buch über eine Leidensgeschichte mit der Psychiatrie, das Bachmann las) entnahmen die Herausgeber einem der bemerkenswertesten Dokumente des Bands, einer Rede an die Ärzteschaft, die Bachmann wohl nicht wirklich zu halten beabsichtigte; die Rede macht aber heute noch Sinn, denn es ist von einzigartiger medizinkritischer Bedeutung, was sie hier über ihren Fall (eine komplizierte psychosomatische Konstellation) zu Papier bringt. Und es ist ein besonders schockierender Moment, in dem sie noch einmal auf ihren Zusammenbruch zurückkommt, auf die Hilflosigkeit, die von den Ärzten noch verstärkt wurde, und auf die Leichtfertigkeit, mit der man sie psychopharmakologisch abfertigte. |
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| Bert Rebhandl [6] | ||||||
| 27. Februar 2017 | Die bösen Bilder leuchten in den Schlaf | |||||
| Protokolle aus Ingeborg Bachmanns dunkelster Zeit eröffnen die neue Werkausgabe |
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| [...] Ingeborg Bachmanns in "Male oscuro" nachzulesende Traumprotokolle sind in einem therapeutischen Zusammenahng entstanden, aber sie sind viel mehr. Es sind Prosaminiaturen, deren böse Bilder vom richtigen Leben bis in den Schlaf leuchten. Mörder kommen darin vor, ein Kamel, inzestuöse Begebenheiten mit dem Vater - und von dieser Figur kaum zu trennen: Max Frisch. Höhnisch lacht der Schweitzer Autor im Traum, er ist der anwesende Abwesende, während Marianne Oellers, die junge Romanistikstudentin und Bachmann Nachfolgerin in Frischs Beziehungsleben, begütigend im Türrahmen des Hauses in Uetikon steht. [..] Man spürt den Atem der Texte in "Male oscuro" und erkennt auch das Dilemma der Herausgeber der Werkausgabe, wenn es später darum gehen wird, den Briefwechsel zwischen Max Frisch und Ingeborg Bachmann in eine publizierbare Form zu bringen. Ab 1962, nach dem Beginn der Lebenskreise und der Krankheit, hat Ingeborg Bachmann die meisten Briefe von Max Frisch vernichtet. Achtzig Stück sind übrig geblieben, während umgekhert 460 Briefe Ingeborg Bachmanns an Frisch in Zürich liegen. Niemals, so die Forderung Bachmanns an Frisch, dürften sie an die Öffentlichkeit kommen. Und wenn doch? Die Herausgeber und die Familie glauben an einen genetischen Prozess der Ausgabe, an organische Wechselwirkungen unter denen die Texte gerade durch das Private verständlich werden. Und umgekehrt. Mit "Male oscuro" ist der Anfang gemacht, in vier Jahren und etliche Bände später könnte es vielleicht mit dem Briefwechsel Bachmann-Frisch soweit sein, sagt Hans Höller, der die editorische Last sichtbar nicht unterschätzt. |
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| Paul Jandl [7] | ||||||
| Information zu dieser Seite: | Zeichenerklärung: |
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| [1] | © taz, Autor: Tobias Schwartz, 15. März 2017 |
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| [2] | Elke Schlinsog, Deutschlandfunk Kultur - 25. Februar 2017, |
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| [3] | © Die Zeit Nr.09/2017 - 23. Februar 2017, Beitrag: Iris Radisch |
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| [4] | © Der Spiegel 9/2017 - 25. Februar 2017, Autor: Volker Weidermann. | |
| Am 03.03.2017 auch unter dem Titel "Der lächlende Mörder" |
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| [5] | © Tagesspiegel, Autorin: Katrin Hillgruber, 18. März 2017 |
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| [6] | © Der Standard, Autor: Bert Rebhandl , 24. Februar 2017 |
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| [7] | © Neue Zürcher Zeitung, Autor: Paul Jandl 25.02.2017 | |
| online verfügbar unter dem Titel: |
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| © Ricarda Berg, erstellt: Februar 2026, letzte Änderung: 14.04.2026 http://www.ingeborg-bachmann-forum.de - E-Mail: Ricarda Berg |
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