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Leseprobe...
Gabriele Nordmann

"Nichts Schönres unter der Sonne..."
Miniaturen zu INGEBORG BACHMANN
  Eine der großartigsten Szenen des gesamten Bachmannschen Werkes ist die Todesszene am Ende des Romans "Malina", in der die weibliche Hauptfigur, das Ich, sein Leben beendet. Dass eine Romanfigur am Ende stirbt, findet sich natürlich in der Weltliteratur häufig und prominent: Anna Karenina, Emma Bovary, Effi Briest - sie alle enden mit dem Tod. Aber Bachmann gelingt in ihrem Roman eine Szene, die gerade im Vergleich mit den Beispielen der Weltliteratur einmalig, und das heißt, einmlaig gestaltet ist. Folgendes ereignet sich: Den ganzen Roman über erhebt ein weibliches und namenloses Ich seine Stimme. Es spricht in der Ich-Form. es erlebt eine - unglückliche Liebesgschichte; es erzählt seine - furchtbaren und meist tödlichen - Träume; es versucht mit Hilfe seines männlichen Alter Ego, der Figur Malina, seine Erinnerung zu rekonstruieren. Am Ende aber, als es erkennt, dass ihm ein Überleben nicht möglich ist, sieht es sich gezwungen, sein Leben zu beenden. Spektakulär-unspektakulär: Es geht in seiner Wohnung in einen Wandspalt hinein; verschwindet dort. Spricht danach nicht mehr. Lebt nicht mehr. Übrig bleibt die Figur Malina. Es heißt im Roman:
"Malina trinkt noch immer Kaffee. Es ist ein 'Holla' zu hören vom andern Hoffenster herüber. Ich bin an die Wand gegangen, ich gehe in die Wand, ich halte den Atem an. Ich hätte noch auf einen Zettel schreiben müssen: Es war nicht Malina. Aber die Wand tut sich auf, ich bin in der Wand, und für Malina kann nur der Riß zu sehen sein, den wir schon lange gesehen haben. Er wird denken, daß ich aus dem Zimmer gegangen bin."
"Ich halte den Atem an", "Die Wand tut sich auf" - welcher Leser ließe sich nicht von dieser Szene ergreifen? Hielte [er, R.B.] hier nicht auch den Atem an? Fühlte sich nicht konfrontiert mit etwas Unheimlichen?

Die Szene ist großartig deshalb, weil sie für die Erfahrung des Lesers prinzipiell unfassbar und unvorhersehbar ist. (Auch, wenn sie sich auf einer theoretischen Ebene abstrakt erklären lässt) [1]. Das Entscheidende: Die Szene beansprucht, Realität zu sein - dadurch entzieht sie sich dem Verstehen. Denn das weibliche Ich stellt sich seinen Tod nicht einfach nur vor. Nein, es "hält den Atem an". Es löscht den Atem aus, der es den ganzen Roman über am Leben gehalten hat. Es geht in den Spalt in der Wand und es tut buchstäblich den letzten Atemzug, wie das bei Sterbenden der Fall ist. Danach spricht es nicht mehr und ist nicht mehr existent. Diesen Akt möchte der Leser natürlich gerne verstehen. Und er ließe sich verstehen, wenn man ihn als eine Imagination deuten könnte. So geschieht das etwa in einer Passage bei Ernst Bloch in einem Bericht über einen Sterbenden: "(e)in Sterbender, der im letzten Augenblick gerettet wurde (hat) folgende Aufklärung gegeben: 'Ich legte mich der Wand zu und fühlte, das das draußen, im Zimmer ist nichts, geht mich nichts mehr an, aber in der Wand ist meine Sache zu finden'. Später schien dem Mann, als hätte sich in statu moriendi ein Organ des Todes gebildet, die Wand ging auf, der fast Sterbende glaubte in die Wand zu reisen, und ein neues Auge blickte gleichsam hinein, wie mit der Salbe des Derwischs aus Tausendundeiner Nacht bestrichen, die das Innere der Felsen und Gebirgswände erkennen ließ, als funkelndes, wo nicht eigenes. Das Innere der Wand war nur klein, aber die umgedrehten Sinne sahen darin etwas, das ihnen sonderbar wichtig vorkam. Exitus, Exodus - " Bei Ernst Bloch handelt es sich eindeutig um eine Imagination - der Sterbende glaubt, in die Wand zu reisen und er sieht "mit umgedrehten Sinnen" darin etwas Kleines. Das ist psychologisch verstehbar. Aber - bei Bachmann ist die Sache ganz anders gelagert. Denn keineswegs ist es so, dass das weibliche Ich das Hineingehen in die Wand einfach nur imaginiert. Es ist auch nicht nur so, dass das Ich aufhört zu sprechen und verstummt. Nein, das Ich löscht sein Leben aus. Es geht in die "sich auftuende Wand" und existiert danach als ein Ich nicht mehr. Es ist tot. Dieser Akt nun aber ist real und empirisch genauso unmöglich wie bei Kafka Gregor Samsas Verwandlung in ein Ungeziefer. Auch das ist ein surrealer Vorgang. als empirisch möglich kann der Leser die "sich auftuende Wand" und das Hineingehen des Ichs nicht verstehen, nicht nachvollziehen. Er kann lediglich bis "an die Wand" das Geschehen verstehen.

Der Leser wird an seine eigene Grenze geführt. Denn er müsste als imaginär, als metaphorisch verstehen, was er als absolut wirklich erfährt, was eben deshalb nicht metaphorisch zu verstehen ist. Die "sich auftuende Wand" ist auch die sich auftuende Grenze zwischen der Welt des Lesers, dem einzelnen Leser, und dem Ich. Das Ich vollzieht einen Schritt in die Surrealität und trennt sich dadurch von der Welt des Teilhabens und Verstehens, das immer nur relativ, das heißt in Relation zu gemeinsamer Realität sein kann. An dem Ereignis des "In-die-Wand-Gehens" kann der Leser nicht im Sinne des Verstehens teilhaben. Er verbleibt auf der hiesigen Seite der Wand, "an der Wand", die seine eigene ist. Konfrontiert mit der Grenze des Verstehens, konfrontiert mit dem Tod des Ichs.

Selten ist in einem Roman der Tod so unheimlich und unfassbar dargestellt worden. Selten ermöglichst es ein Roman dem Leser, eine buchstäbliche Todeserfahrung zu machen. Zwar kann der Leser auch ein Gefühl angesichts des Todes entwickeln, wenn Anna Karennina, Emma Bovary oder Effi Briest sterben. Aber er begegnet dort Formen eines "natürlichen" und realistischen Todes oder Suizids, die er grundsätzlich nachvollziehen kann. Bachmann aber verweigert die Nachvollziehbarkeit. Bachmann gestaltet den Tod als ungeheures Ereignis. Sie spricht oder sie erzählt nicht nur auf einer symbolischen Ebene davon - sondern sie gestaltet ihn buchstäblich. Der Leser kann eine echte Erfahrung des Unfassbaren machen. Das Unheimliche, der Tod kann ihm hautnah begegnen.

Gleichzeitig lotet Bachmann die äußersten Möglichkeiten der Literatur, der Kunst aus. Sie verlässt nicht nur die verstehbare Realität, sondern auch den Bereich der psychologischen Wissenschaft, mit Hilfe derer sich Phänomene erklären lassen, z.B. als Traum oder Imagination. Sie geht den Weg in die Surrealität. Wie Kafka gelingt es Bachmann, eine künstlerische Sprache zu finden, die in der Lage ist, den Leser mit sich selbst zu konfrontieren - und ihn zu beschenken mit der Möglichkeit einer unvergleichlichen ästhetischen Erfahrung. [2]
Essays
Nordmann Miniaturen zu Ingeborg Bachmann
Engelsdorfer Verlag
Leipzig 2026
110 Seiten, geb. Ausgabe
ISBN 978-3-69095-081-7
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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[1] "Das ist das, was die literaturwissendschaftliche Forschung zum Malina-Roman in der Regel macht: Sie erklärt diese Szene zu einem metaphorischen Tod, das Ereignis zu einer Metapher: Das Ich gehe in sein männliches alter Ego, in Malina über; das Ich gehe in die Form ein; das Ich gehe in den Roman ein. Das ist zwar alles nicht falsch, aber - theoretisches Erklären ist nicht das Gleiche wie verstehen [sic!]. Hier geht es um die Möglichkeit des Verstehens von Wirklichkeit." in: Gabriele Nordmann: "Nichts Schönres unter der Sonne ...". Miniaturen zu Ingeborg Bachmann. Anm. 166, S. 96.
[2] Gabriele Nordmann: "Nichts Schönres unter der Sonne ...". Miniaturen zu INGEBORG BACHMANN. Essays. Engelsdorfer Verlag, Leipzig 2026, Kapitel 11. Unheimlich - Todesrealität im Roman, S. 95 - 99.
  Ich danke Gabriele Nordmann sowie dem © Engelsdorfer Verlag, Leipzig für die freundliche Genehmigung zur Publikation.
    © Ricarda Berg, erstellt: Januar 2026, letzte Änderung: 16.07.2026
http://www.ingeborg-bachmann-forum.de - E-Mail: Ricarda Berg