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Leseprobe...
Doris Hildesheim
  Der letzte Satz des Malina-Romans lautet: "Es war Mord". Die Ich-Figur, die in einer Mauer verschwunden ist, "aus der niemand fallen kann, die niemand aufbrechen kann, aus der nie mehr etwas laut werden kann", kann diesen Satz - der klingt wie ihr Vermächtnis - nicht ausgesprochen und nicht aufgeschrieben haben, ihrer Grabstätte ist die Kommunikationslosigkeit wesenhaft. Die erstmalige Verwendung des Präteritums deutet darauf hin, dass die Stimme, die bisher von sich erzählt hat, verstummt ist und jetzt die Zeit der Chronisten begonnen hat. Diesem Satz kommt seine Bedeutung nicht nur durch seinen Vermächtnischarakter und durch seine exponierte Stellung zu, der Leser meint in ihm auch - gesprochen von der Stimme der Autorin, in Vertretung für ihre stimmlose Protagonistin - einen abschließenden Kommentar, sogar eine Interpretationsvorgabe zum Romangeschehen zu hören. Das Verschwinden der Ich-Figur wird in einen Schuldzusammenhang eingeordnet, innerhalb dessen dem Ich die Opferrolle zugeschrieben wird. Die Beobachtungen, die die Ich-Figur zu Lebzeiten über das Sterben gemacht hat, sollen auch auf sie zutreffen. Über ihren Vater, den 'Mörder', erzählt sie Malina:
"Ich habe ihm auch noch sagen wollen, was ich längst begriffen habe - daß man hier eben nicht stirbt, hier wird man ermordet. Darum verstehe ich auch, warum er in mein Leben hat treten können. Einer mußte es tun. Er war es."
Für die Ich-Figur ist die "Gesellschaft (...) der allergrößte Mordschauplatz". Ganz konkret werden ihre Ängste, wenn sie von ermordeten Frauen in der Zeitung liest und sich sagt: "das könntest du sein, das wirst du sein. Unbekannte von unbekanntem Täter ermordet."
Parallel zu ihren Opferphantasien entwickelt die Ich-Figur jedoch einen starken selbstzerstörerischen, selbstmörderischen Wesenszug. Sogar Ivan mit seinem signifikanten Desinteresse an dem Innenleben Ichs erkennt, dass die Ich-Figur die Nähe von Menschen sucht, die ihre Persönlichkeit verletzen:
"Er sagt nicht, noch immer nicht, was er herausfinden möchte, er gibt mir nur zu verstehen, daß er nicht so rasch zu einem Schluß kommen will, er vermutet zu gerne, vermutet sogar, ich habe ein Talent, er weiß nicht, welches Talent, jedenfalls muß es etwas zu tun haben mir >Gutgehen<."
Im Verlauf des Gesprächs fügt er jedoch hinzu: "(...), es sei denn, ich hätte auch ein Talent, jemand einzuladen, mir das kaputtzumachen." Dass auch er ein solcher jemand ist, wird der Ich-Figur bald deutlich: "(...), denn es ist, gegen alle Vernunft, mit meinem Körper geschehen, der sich nur noch bewegt in einem ständigen, sanften, schmerzlichen Gekreuzigktsein auf ihn."
[...]
"Es war nicht Malina." Dieser Satz hat den Interpreten, die in Malina den Mörder des Ichs sehen, Rätsel aufgegeben. Schließlich nimmt Malina zum Ende des Romans eine zunehmend doppeldeutige Position ein. Immer öfter geben er - und die Reaktionen der Ich-Figur auf ihn - Anlass zu der Vermutung, er sei mit der mörderischen Vaterperson des 2. Kapitels im Bunde. Seine Rolle als Freund, Therapeut und Beschützer - z.B. vor übermäßigem Tabletten und Alkoholkonsum - gibt er mehr und mehr auf. Der Malina-Anteil der Ich-Figur bewahrt das Ich nicht länger vor seinen selbstzerstörerischen Tendenzen, im Gegenteil, er wird ihnen zum Helfer. Innerhalb der schizoiden Logik der auf untrennbare Doppeltheit angelegten Ich-Figur lautet das Urteil auf Selbstmord. [1]
Ingeborg Bachmann: Todesbilder
Todessehnsucht und Sprachverlust in "Malina" und "Antigone"
Ingeborg Bachmann: Todesbilder
Weißensee Verlag
Berlin 2000
195 Seiten
ISBN 3-934479-34-0
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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[1] Aus dem Kapitel 5.1: "Ich-Figur und Antigone: Leben und Sterben ohne utopischen Gehalt", in: Doris Hildesheim:
  Ingeborg Bachmann: Todesbilder. Todessehnsucht und Sprachverlust in "Malina" und "Antigone".
  Weißensee Verlag, Berlin 2000, S. 133 - 137.
  Publikation mit freundlicher Genehmigung der Autorin und des © Weißensee Verlags, Berlin.
    © Ricarda Berg, erstellt: Oktober 2001, letzte Änderung: 31.08.2004
http://www.ingeborg-bachmann-forum.de - E-Mail: Ricarda Berg