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Christa Gürtler
Ingeborg Bachmann
Klagenfurt - Wien - Rom
"Das Wenigste ist da, um uns einzuleuchten, und die Jugend gehört nicht dazu, auch die
Stadt nicht, in der sie stattgehabt hat."
  Ingeborg Bachmann, 1959 [1]
 
 

Ingeborg Bachmann hat für das individuelle Ende ihrer Kindheit den "Anschluss" Österreichs als entscheidendes Erlebnis genannt, für das kollektive Ende der Kindheit dieser Generation findet sie in dieser Erzählung das Bild vom Spiel in den Ruinen und die Taubheit der Kinder, wenn sie noch Kinder gerufen werden. Und selbst für das Himmel-und-Hölle-Spiel, das am Beginn der Erzählung den ohnehin schon sehr begrenzten Spielraum der Kinder markiert, haben sie nun kein Interesse mehr, weil ihnen zu kalt ist. Und diese Kälte ist körperlich und emotional spürbar.
Als pure Ironie mag es erscheinen, wenn Ingeborg Bachmann die Bomben als feurige Christbäume beschreibt. Denn sie verheißen weder Wärme noch bringen sie den versprochenen Frieden. Diese Ironie durchzieht ihre gesamte Erzählung, denn sie zerstört an vielen Stellen die Vorstellung von einer heilen und glücklichen Kindheit. Die Sehnsucht nach einer Heimkehr in das Haus einer geborgenen Kindheit, in eine Familie wird in ihr Gegenteil verkehrt, erhofft wird der Ausbruch und die Flucht. In einem Interview betont Ingeborg Bachmann, dass Jugend in einer österreichischen Stadt keine autobiographische Geschichte sei:
»Ich wollte vielmehr mit Hilfe von Erinnerungsaufnahmen, die zwangsläufig die meinen sein müssen, in diese Hohlwelt gehen, die die Welt für Kinder ist, "Kinder", ein Plural, ein anonymer, und allen bekannter Ruf, wir waren ja Kinder einmal, wir haben zu diesem Orden gehört, in dem unsre kleinen Eigenschaften und Merkmale nicht gefragt waren, in der wir keine Namen hatten, sondern nur eins waren, nämlich 'Kinder', eine Zeit, in der wir keine Zeit empfunden haben, ja nicht einmal Räume mit anderen Räumen in Verbindung bringen konnten. Es ist für mich das Gegenstück zu einer autobiographischen Skizze, sogar die Vernichtung dieser kleinen Person Kind. (...) Das Ich tritt heraus aus dem Spiel, es decouvriert das Spiel als Spiel, es hat die Unschuld dieser Bewegungen verloren.«
Obwohl Ingeborg Bachmann in einer protestantischen Familie aufwächst, besucht sie nach der Volksschule und dem Bundesrealgymnasium die "Oberschule für Mädchen" in der Ursulinengasse 5, die während der NS-Herrschaft das Mädchengymnasium der Ursulinen abgelöst hat, und schließt sie am 2. Februar 1944 mit der Matura ab:
»Und eines Tages stellt den Kindern niemand mehr ein Zeugnis aus, und sie können gehen. Sie werden aufgefordert, ins Leben zu treten.«
[...]
In ihrem Versuch einer Autobiographie heißt es:
»Musil sagt zu dem Ort etwas wie "kein Ort, wo man gewöhnlich zur Welt kommt".« Und in einem Breif an den Freund Uwe Johnson vom 25. Juli 1970 bekennt Ingeborg Bachmann: »Man müßte überhaupt ein Fremder sein, um einen Ort wie Kl(agenfurt) länger als eine Stunde erträglich zu finden, oder immer hier leben, vor allem dürfte man nicht hier aufgewachsen sein und ich sein und dann auch noch wiederkommen.«
Ingeborg Bachmann stellt also ihrer Geburtsstadt kein besonders gutes Zeugnis aus, sie ist froh, als sie im Herbst 1945 die Stadt verlassen kann, ihrem »Fernweh« endlich nachgehen kann. Sie wird aber zeitlebens immer wieder Besuche bei den Eltern machen, die manchmal Wochen und Monate dauern, wenn sie krank ist, sich erholen will oder keinen Wohnsitz hat. Auch literarisch kehrt sie mit ihrer letzten Erzählung Drei Wege zum See, die den Band Simultan (1972) abschließt, noch einmal nach Klagenfurt zurück. Elisabeth Matrei bekennt in der Erzählung:
»Daheim war sie nicht in diesem Wald, sie mußte immer wieder neu anfangen, die Wanderkarten zu lesen, weil sie kein Heimweh kannte und es nie Heimweh war, das sie nachhause kommen ließ, nichts hatte sich je verklärt, sondern sie kam zurück, ihres Vaters wegen, und das war eine Selbstverständlichkeit für sie wie für Robert.«
Bereits der Titel wendet den Blick weg von der Stadt und ihrer Geschichte, hin auf die Landschaft rundherum: »Herr Matrei kannte das schon, daß Elisabeth sich jedes Mal "auslief", wenn sie heimkam, die Stadt vermied und gleich hinter dem Haus in den Wald ging.«
Im Gegensatz zur "frühen Dunkelhaft" in Klagenfurt zeichnet Ingeborg Bachmann eine andere Spur ihrer Herkunft in ihre literarische Landkarte ein. Es sind die positiven Erfahrungen im Grenzland, aus denen sie ihre utopischen Sehnsuchtsländer konstruiert: »(...) sie nahm das Dreiländereck ins Aug, dort drüben hätte sie gerne gelebt (...)« [2]

edition ebersbach
[blue notes 30]
Berlin 2006
 
128 Seiten mit Abbildungen
ISBN 3-938740-11-6
14,00 €
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
   
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[1] Aus der Erzählung Ingeborg Bachmanns: "Jugend in einer österreichischen Stadt" (1959).
[2] Aus dem Kapitel: Klagenfurt - Die frühe Dunkelhaft, in: Christa Gürtler: Ingeborg Bachmann. Klagenfurt - Wien - Rom.
  edition ebersbach (= blue notes 30), Berlin 2006, S. 24-27; 34-35.
  Ich danke der Autorin und der ©edition ebersbach für die freundliche Genehmigung zur Publikation.
    © Ricarda Berg, erstellt: Juni 2006, letzte Änderung: 25.10.2009
http://www.ingeborg-bachmann-forum.de - E-Mail: Ricarda Berg