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Leseprobe...
Monika Albrecht/
Dirk Göttsche (Hrsg.)


Bachmann Handbuch
  Von der feministischen Bewegung hat sich Ingeborg Bachmann einerseits deutlich distanziert und erklärt, daß "sie von der ganzen Emanzipation nichts hält". Andererseits scheint jedoch die Wahl einer als weiblich markierten Ich-Perspektive in Malina darauf zu zielen, das "Gefühlstreiben" und "Unglück der Frauen" den "Krankheiten" der Männer mit einigem Impetus gegenüber zu stellen: "Der Faschismus ist das erste in der Beziehung zwischen Mann und Frau". Ähnlich zwiespältig verlief auch die feministische Rezeption von Malina: Während das Buch seit den achtziger Jahren zum feministischen Kultbuch avanciert ist, galt Bachmanns Weiblichkeitsbegriff zunächst als wenig progressiv: zu sehr dem Klischee vom weiblichen Masochismus und hilflosen Opfer verpflichtet, zu wenig auf gesellschaftliche Zwänge aufmerksam machend. Und da Bachmann im 'männlichen' Literaturgeschäft durchaus erfolgreich war, wurde sie - wie manch andere Autorinnen auch - in dem sich etablierenden Frauenliteraturbetrieb zunächst nicht rezipiert: Ihre Texte entsprachen "nicht den Emanzipationsvorstellungen und Lesebedürfnissen des feministischen Diskurses".

Dies hat sich, nach dem Tod Bachmanns und seit Erscheinen der Werkausgabe 1978, grundlegend geändert. Gerade die Prosatexte schienen nun genuin weibliche Erfahrungen auf realistische Weise zu repräsentieren - zumal sie manchen auf Bachmanns Leben und Sterben zurückführbar schienen. Mit dem Wandel der feministischen Literaturtheorie von ihren ideologiekritischen Anfängen zur poststrukturalistischen Analyse richtete sich das Interesse der durch die feministische Literaturwissenschaft in hohem Maße intensivierten Bachmann-Forschung jedoch weniger auf identifikatorische Bezüge als auf symbolische Strukturen und Diskursformationen. Unter Rückgriff auf psychoanalytische Theorien wurde Malina deshalb seit den achtziger Jahren zum Erprobungsfeld zentraler Denkfiguren feministischer différence, vor allem solcher der Hysterie und der écriture féminine.

Die diesen Figuren zugrunde liegenden Ansätze gehen davon aus, daß die Frau einerseits als Repräsentationsfigur des Weiblichen und als Darstellungsobjekt in der symbolischen Ordnung (im patriarchalen Zeichensystem 'Kultur') anwesend ist, andererseits aber als Subjekt daraus ausgeschlossen bleibt. Die Ich-Diffusion und der Zerfall eines einheitlichen Subjektes in Malina bietet die Möglichkeit, genau diese doppelte Position auszustellen und das Ich zugleich als Ich und als Nicht-Ich sprechen zu lassen. Dabei kommt das im logozentrischen Diskurs Verdrängte, 'Andere' des Weiblichen in einer écriture féminine zum Vorschein, die sich vom (aus dem Logos ausgeschlossenen) Körper her schreibt. In "einer anderen Sprache [...] mit Haut und Haar" offenbart sich so in Bachmanns Roman scheinbar das widerständige Potential eines wiederholt von (paternalen) Redeverboten ins Verstummen getriebenen weiblichen Ich: zwar braucht dieses Ich Malina, ohne den die Geschichte nicht in die symbolische Ordnung des Textes überführt werden kann, doch entsteht in dieser Verdoppelung eine neue Schreibweise, in der gegenläufige Erzählstrategien und Stimmen sich durchkreuzen und überlagern; die dabei entstehenden Brüche und Fragmentierungen markieren subversive Störungen in der symbolischen Ordnung.

Trotz aller Repressionen durch den Vater, Ivan und Malina gelänge es demnach, die 'andere' Stimme zu erheben und Zeugnis abzugeben vom Opfertod im Widerstand gegen das Patriarchat. In nuce führt dies ein Vatertraum vor, in dem das Ich in einem Duett auf der Bühne steht, aber erkennt, daß nur der Mann zu hören sein wird, "weil mein Vater nur für ihn die Stimme geschrieben hat und nichts natürlich für mich". Die Ich-Figur singt auch ohne Vatertext, stürzt in den leeren Orchestergraben und bricht sich das Genick.

Doch im Opern-Traum fehlt das Publikum, die Stimme verhallt ungehört, und ähnliche Situationen werden in den Träumen immer wieder durchgespielt. Nach dem Verschwinden der Ich-Figur entsorgt Malina den blauen Stein - Signum für ein antipaternales, widerständiges "Schreiben im Staunen" - und damit offenbar auch die letzte Hoffnung auf ein alternatives "weibliches Textbegehren". Malina ließe sich daher durchaus als Absage an eine weibliche Utopie der 'anderen' Sprache deuten, und stützen könnte sich diese Lesart nicht nur auf die Gewinnung Malinas als titelgebender Erzählfigur, sondern auch auf die im Roman ebenfalls formulierte Einsicht in die Zukunftslosigkeit der Legendenerzählung von einer 'anderen', utopischen Zeit, in der die "Poesie" des weiblichen Geschlechts wiedererschaffen wird: "[...] ich denke an mein Buch, es ist mir abhanden gekommen, [...] mir fällt kein Satz mehr ein. [...] Kein Tag wird kommen".

Die "Legende einer Frau, die es nie gegeben hat" mahnt ohnehin zur Vorsicht: Nie gegeben hat es nicht nur die Legende, sondern auch die darin vorgestellte Frau, und da die Ich-Figur in der von ihr selbst entworfenen Frauen-Fiktion ein potentielles 'Versteck' sieht, wäre zunächst die Frage nach der Geschlechterinszenierung in Malina zu stellen. Irritierenderweise erscheint nämlich die als weiblich markierte Ich-Figur selbst schon wieder geschlechtlich gedoppelt: "Bin ich eine Frau oder bin ich etwas Dimorphes?". Offenbar führt die geschlechtliche Ambivalenz und scheinbare Androgynität von Ich/Malina für die Ich-Figur zu einem gender trouble, der je nach Situation neu akzentuiert wird: Während Ivan das Ich als "sehr weiblich" wahrnimmt und im Traumkapitel der "Friedhof der ermordeten Tochter" die Ich-Figur als Tochter ausweist, muß sich das Ich in Distanz zu den männlichen Figuren vor dem Spiegel mit "Wässerchen" und Cremes erst als eine Frau entwerfen, und schließlich wundert sich die Ich-Figur sogar, zusammen mit Malina als "Mann und Frau" wahrgenommen zu werden: "[...} wir wußten damit nichts anzufangen. Wir haben sehr gelacht."

Statt die Zuordnung der Ich-Figur zu den hinlänglich bekannten Topoi der Weiblichkeit (Angst, Hysterie, Sprachlosigkeit, Liebe, Tod) stets neu zu wiederholen, dürfte es daher gerade auch im Hinblick auf die Sprach- und Erzählstruktur sinnvoll sein, die - zum Teil deutlich ausgestellte - Konstruktion der geschlechtlichen Positionen durch eben solche Topoi in den Blick zu nehmen. Diese entspräche auch einer theoretischen Entwicklung von der feministischen Literaturwissenschaft zu den gender studies, die anstelle einer Weiblichkeit (oder Männlichkeit) die Vielfalt der Positionen im Feld der Geschlechterdifferenzen betonen. [1]
Leben - Werk - Wirkung
Bachmann Handbuch
J. B. Metzler Verlag
Stuttgart, Weimar 2002
336 Seiten
ISBN 3-476-01810-5
49,90€
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
  Britta Hermann
Buchbesprechungen: Forum-Link Kleine Bibliothek

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[1] Aus dem Kapitel: "Todesarten-Projekt: Malina - Feministische Zugänge" [Britta Hermann], in:
  Monika Albrecht/Dirk Göttsche (Hrsg.): Bachmann Handbuch. Leben-Werk-Wirkung. J.B. Metzler Verlag,
  Stuttgart, Weimar 2002, S. 140 - 141.
  Ich danke dem © J. B. Metzler Verlag, Stuttgart für die freundliche Genehmigung zur Publikation
    © Ricarda Berg, erstellt: September 2002, letzte Änderung: 30.04.2005
http://www.ingeborg-bachmann-forum.de - E-Mail: Ricarda Berg