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Leseprobe...
Ruxandra Chişe  

Das Vorhandensein eines dem Gedicht inhärenten Rahmens lässt sich sehr gut anhand eines kurzen Gedichtes aus dem dritten Teil des Bandes "Anrufung des Großen Bären" beobachten, das auf der Erfahrung der Heterotopie Schiff aufbaut. Ohne den ortlosen Raum Schiff direkt zu erwähnen, bringen die ersten zwei Verse des Gedichts Bleib diese schwimmende, für sich existierende Welt zum Stehen:
»Die Fahrten gehn zu Ende, / der Fahrtenwind bleibt aus«. Das Stehenbleiben wurde durch äußere Kräfte, oder vielmehr durch das Nicht-mehr-Vorhandensein dieser Kräfte provoziert; das Verschwinden des Windes ereignet sich unangekündigt und scheint einen endgültigen Charaketer zu haben, die Reisen müssen gezwungenermaßen beendet werden.
Zwischen der zweiten und der dritten Zeile ereignet sich ein Bruch, die Anwesenheit eines Du, das in den ersten zwei Zeilen nicht erahnt werden kann, wird nun unvermittelt beleuchet: »Es fällt dir in die Hände / ein leichtes Kartenhaus.«

Die Perspektive undefinierbarer Weite, die die ersten zwei Verse vermitteln, wird im dritten mittels einer raschen Geste plötzlicher Fokussierung einer bis zu diesem Zeitpunkt unsichtbar präsenten Instanz abgeblendet. Gerade dadurch, dass der Anfang des Gedichtes das Wissen um die Gegenwart des Du nicht preisgibt, kann in der dritten Zeitle mit einer intensiven Wirkung auf den Leser gerechnet werden. Ein schnelles Eins-Werden mit dem Du wird hierbei erzwungen, der Leser muss zusammenfahren und auf Anhieb feststellen, dass er sich nolens volens im Gedicht befindet, dass er eigentlich von Anfang an da war; er kommt kaum umhin, den leisen Verdacht zu schöpfen, dass er selber diese nun beendeten Schifffahrten gemacht hat, dass sie sich auf ihn beziehen, dass er selber sie höchstwahrscheinlich in die Wege geleitet haben muss. Der Leser erfährt, mit anderen Worten, dass er eine Vorgeschichte hat, die ihm nicht bekannt ist, deren er sich bisher nicht bewusst war, die er aber zu erkunden vermag, wenn er sich auf diese für ihn zunächst einmal fiktive Situation einlässt.

Über den konkreten Ort, an dem das Schiff stehenbleibt, gibt es in diesem kurzen lyrischen Text keinerlei Angaben; es ist unklar, ob Land oder ein Hafen erreicht wurde, oder ob die Windstelle fernab von einem erreichbaren Ufer eingetreten ist. Dies bedeutet, dass der Leser nicht in der Lage ist, sich selber zu lokalisieren, das Wissen über die realen Orte, die ihn umgeben könnten, an die er unter Umständen grenzt oder einfach anwesend sind und denen er sich in der neuen Situation nicht mehr nähern kann, wird ihm verweigert. Der einzige Ort, dessen Realität er sich sicher sein kann, ist das Schiff, das Du hält sich folglich in einer Heterotopie auf . Deren Funktion ist es, wie oben gezeigt, die gewohnte Wirklichkeit als Illusion zu demaskieren, sodass die Du-Instanz von Anfang an auf eine Realiträt anderer Art, auf einen, mit Foucault, »Gegen[raum]« angewiesen ist, der eine eigentümliche Daseinsform desjenigen, der ihn betritt, generiert.

Das Gedicht stellt der Du-Instanz keinen Raum zur Verfügung, in dem sie sich orientieren könnte. Der Leser muss sich auf die Informationen, dier er über sich selber erhält, einlassen. Das Kartenhaus ist das einzig Konkrete, das die Umgebung dem Du offenbart und gleichzeitig dessen einzige Brücke zu sich selbst als Teil der Heterotopie, in der es sich befindet. [1]

 
Alterität als Eigenes
Ingeborg Bachmann
und das vorübergehende Bleiben im Gedicht
Alterität als Eigenes
Aisthesis Verlag
Bielefeld 2017
336 Seiten
ISBN 978-3-8498-1236-2
kart. 39,80 €
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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[1] Aus dem Kapitel 6. Das Bleiben: Anrufung des Großen Bären, in: Ruxandra Chişe: Alterität als Eigenes. Ingeborg Bachmann
  und das vorübergehende Bleiben im Gedicht. Aisthesis Verlag, Bielefeld 2017, S. 255-256.
  Ich danke der Autorin und dem ©Aisthesis Verlag für die freundliche Genehmigung zur Publikation.
    © Ricarda Berg, erstellt: August 2017, letzte Änderung: 29.08.2017
http://www.ingeborg-bachmann-forum.de - E-Mail: Ricarda Berg