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Simone Frieling

Ansichten und Einsichten

Zum 100. Geburtstag von
Ingeborg Bachmann
 
Nicht zur Veröffentlichung vorgesehen

Bachmann hat, wie alle Autoren es tun, viel von dem verworfen, was sie schrieb. Sich ihrer Könnerschaft als Lyrikerin bewusst, hat sie die Gedichte, an die sie sich nach 1960 wagte, eher als Versuche angesehen, an denen sie sich über einen längeren Zeitraum immer wieder übte. Manche von ihnen hat sie vernichtet, manche haben sich als Entwürfe im Nachlass erhalten. Diese bewusst nicht veröffentlichten Gedichte hat die Autorin auch für die Zeit nach ihrem Tod 'sperren' lassen. Trotzdem liegen sie [den] Lesern heute vor.
Wer setzt sich über den ausdrücklichen Wunsch der Autorin hinweg und warum? In Bachmanns Fall waren und sind das die noch lebenden Familienmitglieder, die Erben. Im Vorwort zu dem Gedichtband "Ich weiß keine bessere Welt" rechtfertigen sie sich für ihr Vorgehen: "Das Wiederlesen nach fast drei Jahrzehnten war für uns faszinierend, berührend und so beeindruckend, daß der Gedanke aufkam, diese Texte nicht länger unter Verschluß zu halten". Das Vorwort ist unterzeichnet vom Bruder und der Schwester der Verstorbenen, Heinz Bachmann und Isolde Moser.
Psychologisch ist die Haltung der Familie nachzuvollziehen, mit jeder Veröffentlichung wird die Stimme Bachmanns wieder hörbar. Es ist ein wenig so, als würde die Person weiter leben. Dazu kommt, dass die Beschäftigung mit Kunst an sich sehr befriedigend ist und etwas von dem Glanz, der die Schwester umfing, auf die übergeht, die sie neu in Szene setzen. Vielleicht, so denken die Verwandten, hätte die Dichterin der Veröffentlichung jetzt, nach so langer Zeit, sogar zugestimmt. Aber ganz sicher können sie sich eben nicht sein.
Die Verlage haben ganz andere Interessen als die Erben, aber wenn es um Veröffentlichungen neuer, unbekannter Texte einer bekannten Autorin geht, überschneiden sie sich. Dass man von dieser Seite her keine Skrupel erwarten kann, wusste Ingeborg Bachmann genau. In einem Brief an ihren zukünftigen Verleger aus dem Januar 1966 schimpfte sie: "Warum soll ich denn die Wahrheit nicht sagen, Ihr habt an mir verdient, Ihr alle. Ihr habt mich zu Geld gemacht. Ihr habt mich verkauft und verkauft". [1]
Ingeborg Bachmann stand spätestens im August 1954 im Licht der Öffentlichkeit, nachdem das Nachrichtenmagazin Der Spiegel sie auf sein Cover gesetzt hatte. Natürlich hat sie sich in diesem Licht erst einmal gesonnt. Aber immer im Scheinwerferlicht zu stehen, verlangt Disziplin oder die Fähigkeit der Schauspieler: sich zu verstellen. Beides war Ingeborg Bachmann auf Dauer nicht möglich. Sie wollte selbst entscheiden, wann und in welcher Verfassung sie vor die Öffentlichkeit trat und sich ihr auslieferte. Ganz Ähnliches galt für ihre Gedichte, Erzählungen und Romane.
Sehr glücklich war sie, als ihr 1964, nach Jahren der Schreibblockade, das Gedicht Böhmen liegt am Meer [2] gelang, das sie nur ein Mal vor Publikum las. Erst Jahre später rang sie sich dazu durch, es zu veröffentlichen. Sie wollte dieses Kunstwerk, das sie wieder glauben ließ, eine Dichterin zu sein, nicht der "Literaturwelt" preisgeben. Es erschien dann im November 1968 in der Zeitschrift Kursbuch.
Ingeborg Bachmann, bei der Leben und Werk so eng miteinander verwoben waren, achtete darauf, was sie aus der Hand gab und was sie zurückhielt. Sie hätte nie zugelassen, dass ihre intimsten Briefe an Max Frisch vor aller Welt ausgebreitet würden. Noch weniger, dass die Durchschläge von Briefen an ihren Arzt, dem sie sich in verzweifelter seelischer Not geöffnet hatte, in den Band Male Oscuro. Aufzeichnungen aus der Zeit der Krankheit aufgenommen wurden. Hätte umgekehrt der Arzt die Briefe seiner berühmten Patientin veröffentlicht, es hätte einen Aufschrei der Empörung gegeben. Die beiden Herausgeberinnen von Male Oscuro stellen im Vorwort auch rhetorisch die Frage: "Verstößt die Veröffentlichung von Traumprotokollen, Briefen und Rede-Entwürfen nicht gegen die Gebote der Diskretion, gegen das Briefgeheimnis und den Schutz der Privatsphäre?" Sie beantworten die Frage mit "ja". Fühlen sich aber in ihrem Vorgehen gerechtfertigt, da Ingeborg Bachmann an "einer falsch verstandenen Diskretion fast zugrunde gegangen" wäre. Eine posthume Veröffentlichung allerdings hätte die Autorin geliebt: die ihres Bruders Heinz Bachmann. Aus seinem Buch Ingeborg Bachmann, meine Schwester spricht nichts anderes als seine Liebe, Loyalität und Bewunderung. [3]
 
Simone
© Onomato Verlag, Düsseldorf 2026
60 Seiten, 15 Grafiken und
13 Gedichte
 
 
 
 
Frieling
Ingeborg Bachmann
© Grafik Simone Frieling [4]
 
 

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[1] Aus dem Brief Ingeborg Bachmanns vom 24. Jänner 1966 an Siegfried Unseld. In: Forum-Link Ingeborg Bachmann »Male Oscuro«.
Aufzeichnungen aus der Zeit der Krankheit. München, Berlin, Zürich 2017, S.218.
[2] Das Gedicht Böhmen liegt am Meer gilt als eines der schönsten Ingeborg Bachmanns. Es entstand nach einer für Bachmann bedeutenden Pragreise 1964, siehe: Forum-Link Ingeborg Bachmanns Winterreise nach Prag.
[3] Essay "Nicht zur Veröffentlichung vorgesehen", aus dem Kapitel: "Licht und Schatten", in: Simone Frieling: Ansichten und Einsichten. Zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann. Onomato Verlag, Düsseldorf 2026, S. 22 - 23.
  Ich danke dem © Onomoto Verlag, Düsseldorf und insbesondere der Autorin Simone Frieling für die freundliche Genehmigung zur Publikation von Text und Grafik.
    © Ricarda Berg, erstellt: Juni 2026, letzte Änderung: 16.06.2026
http://www.ingeborg-bachmann-forum.de - E-Mail: Ricarda Berg